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Ararat

CDN 2002. R,B: Atom Egoyan. K: Paul Sarossy. S: Susan Shipton. M: Mychael Danna. P: Robert Lantos. D: David Alpay, Charles Aznavour, Eric Bogosian, Brent Carver u.a.
116 Min. Kool ab 22.1.04

Im Hier und Jetzt

Von Thomas Waitz Ein Bild steht zu Beginn. Die Kamera fährt langsam über eine ausgeblichene, helle Fläche. Wir sehen einen jungen Mann, eine alte Frau, der blasse Abzug einer Porträtfotographie, eine Skizze, dann ein Ölbild derselben Szene. Später begegnen wir diesem Bild wieder: Ein Film zeigt den Augenblick der Aufnahme, den Maler Arshile Gorky mit seiner Mutter. Foto, Malerei, Film, Film-im-Film, Video – die Techniken der Abbildung und Darstellung sind bei Egoyan stets emblematische Erzählfiguren. Auch in Ararat geht es um unterschiedliche Modi des Erinnerns und der Vergegenwärtigung, Transformationen des Sag- und Zeigbaren, die selbstreflexive Thematisierung der Bedingungen des Medialen.

Ararat handelt vom unbewältigten Genozid an den Armeniern 1915 – ein bis eineinhalb Millionen Menschen fielen systematischen Massakern und Deportationen des nationalistischen jungtürkischen Regimes zum Opfer. Darüber hinaus ist der Film mehr: Er verwebt mittels einer avancierten Ton- und Bildmontage zahlreiche Handlungsstränge in Gegenwart und Vergangenheit. Dabei entsteht eine hochkomplexe Gleichzeitigkeit von Sichtweisen, persönlicher Geschichte und medialen Verschränkungen, mit der Egoyan nach Möglichkeiten und Grenzen des Erinnerns und dem Gelingen ihrer Repräsentation an sich fragt.

Formal bilden die Ebene der sekundären Inszenierung eines Mainstream-Films, dessen Bilder immer wieder Illusionsbrüche erfahren, und jene der Produktion des Films und der Lebensumstände der mit ihr beschäftigten Menschen den bestimmenden Kontrast. Erst über die filmische Operation der Montage, in der sich die Einschreibungen des Völkermords in die intimsten Empfindungen des Personals im Hier und Jetzt mit der Inszenierung der Ereignisse von 1915 verschränken, kommentieren und brechen, findet der äußerst vielschichtige Film, mit dem der Regisseur in topologischer Hinsicht zu seinen Anfängen zurückkehrt, sein eigentliches Thema. Die Frage nach den Mechanismen des Abbildens, nach seinem Funktionieren und Scheitern, ist ebenso bedeutsam wie das Dargestellte selbst. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #33.
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