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Appleseed

Appurushido. J 2004. R: Shinji Aramaki. B: Haruka Handa, Tsutomu Kamishiro. M: Paul Oakenfold, Basement Jaxx, Ryuichi Sakamoto, T. Raumschmiere. P: Micott & Basara, TBS, Yamato u.a.
108 Min. Rapid Eye Movies ab 8.9.05

Der Krieg ist das Ziel

Von Ekaterina Vassilieva-Ostrovskaja In einer Zeit, in der die politischen Regimes immer kurzlebiger werden und sich dafür umso schneller wandeln, geht das Gefühl für Stabilität und für ein dauerhaftes Wertesystem zunehmend verloren. Dank der globalisierten Informationskanäle kann beinahe jede Interessengemeinschaft ihre Positionen plausibel und überzeugend vermitteln, wobei die eigentlichen Hintergründe oft undurchschaubar bleiben. So wird »Gut« und »Böse« mehr als je zuvor eine Intuitionssache.

In der japanischen Manga-Verfilmung Appleseed, die in ihrer antiutopischen Handlung eine düstere Zukunftsvision evoziert, ist diese Ideologiekrise sehr deutlich spürbar. Wir erfahren nie, wofür die Elite-Soldatin Deunan Knute im dritten Weltkrieg, der im Jahr 2131 die gesamte Erde verwüstete, gekämpft hat. In der Anfangssequenz erleben wir sie in einem erbitterten Gefecht, als sie sich allein gegen einen Helikopterangriff zu verteidigen versucht. Die Nachricht, daß der eigentliche Krieg längst vorbei ist und die einander bekämpfenden Armeen sich gegenseitig vernichtet haben, erreicht die tapfere Veteranin mit Verspätung. Nun hat sie keine andere Wahl, als sich der einzigen auf der Erde noch erhalten gebliebenen Staatsmacht Olympus anzuschließen, die Wert darauf legt, die perfekt ausgebildete Kämpferin für sich zu gewinnen. Von Olympus wurde auch der Helikopter-Angriff veranlaßt, der zum Ziel hatte, Deunan in die blühende Metropole zu entführen.

Die komplizierte politische Struktur des verdächtig harmonisch wirkenden Stadtstaates durchschaut die erfahrene, aber trotzdem sehr jugendlich wirkende Kriegerin nicht auf Anhieb. Doch der Kampf geht nun einmal vor der Reflexion, und so muß Deunan ihren gestählten Körper und die antrainierten Fertigkeiten gegen Terroristen einsetzen, noch bevor ihr klar wird, welche Interessen sie eigentlich verteidigt. Nicht einmal die Identität ihrer Feinde ist ihr bekannt. »Sie haben es auf dich abgesehen«, erklärt ihr der ehemalige Militärkollege Briareos. Doch wer das ist und welche Ziele sie dabei verfolgen, das kann oder will er nicht verraten. Auch als die Verhältnisse langsam durchsichtiger werden, tappt Deunan immer noch im Dunklen, was die Beurteilung ihrer Situation angeht. Denn das gesellschaftliche und politische Leben in Olympus funktioniert nach sehr eigenwilligen Prinzipien, die mit üblichen ethischen Grundsätzen schwer zu erfassen sind.

Die erste voll-computeranimierte japanische Manga-Adaption, die nach der Vorlage von Masamune Shirow (»Ghost In The Shell«) entstand, konstruiert eine Welt, in der sich unsere Ängste, aber auch unsere kühnsten Visionen in zugespitzter Form wiederfinden. So wird die allgemeine Unverläßlichkeit der Umwelt durch übermenschliche Fähigkeiten und die einfallsreiche Ausrüstung kompensiert, mit denen sich die Helden immer ein Stück Sicherheit erkämpfen können. Das Verlagern des Gewichtes auf den Prozeß des Kampfes selbst erscheint hier nicht als bloßes Zugeständnis an Genrekonventionen, sondern als eine logische Konsequenz aus dem Versagen aller ideologischen Konzepte: Der Kampf wird zum Selbstzweck, wenn es nichts mehr zu erkämpfen gibt. Der dabei erlebte Rausch entschädigt das Individuum für die fehlende Orientierung und die ausbleibende Wirkung der aufwendigen Militäreinsätze. Auch die Operation, in der das heiß begehrte Forschungsmaterial Appleseed aufgespürt werden soll, ist eigentlich nur eine Phantomjagd. Denn ob seine Anwendung die Menschheit wirklich retten oder vielmehr ins Verderben stürzen wird, ist im voraus fast unmöglich zu ermessen…

Appleseed ist vom Kulturpessimismus erfüllt, bleibt aber selbst unverkennbar ein Kulturprodukt, das sich an die Rahmenbedingungen des Genrekinos perfekt anpaßt. Mit seiner ungewöhnlichen visuellen Plastizität sowie dem im Trend liegenden rockig-elektronischen Soundtrack, an dem unter anderem Paul Oakenfold und Basement Jaxx beteiligt waren, hat der Film immerhin zwei sichere Trümpfe aufzuweisen, die ihn deutlich über das Mittelmaß vieler Manga-Adaptionen erheben. 1970-01-01 01:00
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