— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Der Appartement-Schreck

Duplex. USA 2003. R: Danny DeVito. B: Larry Doyle. K: Anastas Michos. S: Lynzee Klingman, Greg Hayden. M: David Newman. P: Flower Films, Red Hour Films. D: Ben Stiller, Drew Barrymore, Eileen Essel, Harvey Fierstein u.a.
89 Min. Buena Vista ab 1.7.04

Jagt die Knirpse und Gören aus der Stadt!

Von Christoph Pasour Was denn das Schlimmste sei, das er jemals einem Nachbarn zugefügt habe, möchten Journalisten in einem Interview zu Der Appartement-Schreck von Ben Stiller wissen. Zögern. »Ich wuchs in einem Appartementhaus auf, und im achten Stock wohnte dieser Typ, Mr. Haymes, und der hatte den ›Playboy‹ abonniert. Den habe ich dann immer geklaut.« Aha. Andere Frage. Es sei doch erstaunlich, daß die unverwüstliche alte Dame, die den beiden Protagonisten des Films das Leben zur Hölle macht, eine echte Harpune in ihrer Wohnung aufbewahre, mit der Stiller in einer Szene um sich schießt. Stiller entgegnet, es sei ja nicht ihre, sondern die von ihrem verstorbenen Mann »Big Dick«. »Big Dick!« Aufschrei Drew Barrymore, die sich vor Lachen kaum halten kann.

Da sitzen also zwei Teenager-Prototypen gehobenen Alters. Ein Knirps, dem der Spott der Anderen immer ziemlich auf den Schultern lastete. Eine Göre, die sich mit den Jungs prügelte und Mordsspaß dabei hatte. So was ist ausreichend neben der Spur, um sympathisch zu wirken, aber noch nicht genug, um der Mittelmäßigkeit zu entkommen. Und so hat Regisseur Danny de Vito Stiller und Barrymore zwei Charaktere verpaßt, die es sich auf halber Höhe der New Yorker Karriereleiter eingerichtet haben. Sie führen kein wirklich interessantes Leben. Noch nicht.

Alex ist ein bißchen erfolgreich als Schriftsteller, nur daß seine Bücher zu schnell für 99 Cent beim Discounter verramscht werden. Nancy ist Graphikerin bei einem angesehenen New Yorker Magazin. Weil in dieser Stadt Träume von Immobilienmaklern verwaltet werden, reiben sich die zwei unbekümmerten »Young Urban Professionals« ungläubig die Augen, als sie der Makler ans Ziel ihrer Wünsche führt: Zwei Stockwerke, Duplex, drei offene Kamine, Holzvertäfelung. Ein mondänes Backsteinhaus in Brooklyn. Für niveauvolles Ambiente würden Alex und Nancy wohl selbst ihre Großmütter, wenn sie welche hätten, verhökern – natürlich nicht, ohne sich vorher im schlechten Gewissen zu suhlen.

Daß sich im oberen Stockwerk die uralte Mrs. Connelly (Eileen Essell) unkündbar eingenistet hat, ist ein Schönheitsfehler. Mit einem charmanten Lächeln hoffen Alex und Nancy voller Zuversicht auf die biologische Lösung. De Vito hat die wunderbare Eileen Essell dort aufgetrieben, wo schlechtes Essen und schlechtes Wetter nur die Zähesten überleben läßt: in England. So was verpflichtet und ebenfalls mit einem charmanten Lächeln und entwaffnender Freundlichkeit zieht die unverwüstliche Mrs. Connelly in den Krieg gegen ihre Mitbewohner.

Um den Film richtig einzuordnen sei auf den pragmatischen Hinweis des Kritikers Anthony Wendel der »Michigan Times« verwiesen: »Noch während diese Kritik geschrieben und gedruckt wird, wird Der Appartement-Schreck bereits in die billigen Kinos gewandert sein; das bedeutet, Sie haben die Chance für unter 10 Dollar einen Film zu sehen, sich ein großes Getränk und Popkorn zu schnappen und Spaß zu haben.« Kurz: Ein Geniestreich ist Der Appartement-Schreck nicht. Für eine rabenschwarze Komödie tastet sich der Film zu bedächtig an die notwendige satte Geschmacklosigkeit heran. Stiller, Barrymore und de Vito sind allesamt schon weitaus kantiger in Erscheinung getreten.

Doch wo das unselige Wort »Mittelmaß« auf dem Unterhaltungsfaktor dieses Films lastet, ist er in einer anderen Ecke schlau und bissig. Alex und Nancy sind nett, nach Bedarf menschenfreundlich, dieses sympathische Bißchen verrückt und von hohem Wiedererkennungswert für (uns) junge, gebildete, kultivierte etc. Stadtbewohner. Hierzulande heißt diese flauschige Mittelmäßigkeit »Generation Golf«, bzw. klebt jetzt eine »2« dahinter. Für Alex und Nancy besteht die Welt aus austauschbaren Benutzeroberflächen. Die arrogante Selbstverständlichkeit, mit der alles verfügbar erscheint, fällt erst auf, als ihnen dieser seltsame Anspruch streitig gemacht wird. Das Haus ist wohl so alt wie Mrs. Connelly selbst. Wo sich Leben eingeschrieben hat, plustern sich Alex und Nancy vor einer Nostalgietapete auf, die Mrs. Connelly in Stücke reißt. Das ist so was wie der Widerstand der Welt gegen ihre Bedienungsanleitung neuester Auflage.

Jeder, der in der Eroberung alter, städtischer Bausubstanz durch das Geld auch den Verlust ahnt, dürfte sich mit der alten Hexe zusammen schadenfroh die Hände reiben. Und uns Knirpse und Gören dann aus der Stadt jagen. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap