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Apocalypse Now Redux

USA 2001. R,B,M: Francis Ford Coppola. B: John Milius. K: Vittorio Storaro. S: Walter Murch. M: Carmine Coppola. P: American Zoetrope. D: Martin Sheen, Marlon Brando, Robert Duvall, Laurence Fishburne, Dennis Hopper, Harrison Ford u.a.
203 Min. Tobis ab 18.10.01

Den Horror neu montiert

Von Carsten Happe Es ist müßig, die unterschiedliche Filmwirkung von großer Leinwand und heimischem Bildschirm zu diskutieren – insbesondere bei einem Film wie Apocalypse Now. Ich weiß nicht mehr genau, wann ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, ob auf Video oder im Fernsehen, allenfalls mit einer Bildschirmdiagonale von 70 Zentimetern. Doch nun, nach Betrachten der neuen Schnittfassung Apocalypse Now Redux in einem vollständig ausgerüsteten Kino, kann ich kaum behaupten, den Film jemals wirklich gesehen zu haben.

Geschweige denn gehört. Lärmkaskaden vorbeifliegender Hubschrauberstaffeln dringen aus jeder Pore des Raums, die Doors zelebrieren ihre eigene, kleine Apokalypse direkt in meinem Ohr, die Walküren reiten alle vier Wände entlang. Der Wahnsinn okkupiert von der ersten Sekunde an den Verstand – »The Horror, the Horror« ist immer nur einen Wimpernschlag entfernt. Niemand hatte seinerzeit das Ausmaß dieses Filmprojekts absehen können. Für vier Monate waren die Dreharbeiten auf den Philippinen angesetzt, über drei Jahre dauerte letztlich der Krieg Coppolas mit dem Material, den Bedingungen, mit sich selbst.

Verlängert um rund fünfzig Minuten, erweist sich diese Version von Apocalypse Now dennoch als weitaus homogener, kurzweiliger gar, als die vormalige Fassung. Zudem entwickelt sich erst hier das eigentliche Thema des Films, der nie allein auf seine Vietnammetapher beschränkt war, sondern in seinem Innersten eine weit größere Fabel anstrebte. Mit der Integration der bisher nicht gezeigten Sequenzen wird nun diese freigelegt: Apocalypse Now Redux ist der Versuch, die verfehlte Entwicklung Amerikas in Bilder zu fassen.

Zu Beginn steht das Ende, von den Doors intoniert und von Napalmbombardements unterstützt, bevor Captain Willard, der Außenseiter auf dem Boot Amerika, dieser Keimzelle der Gesellschaft, auf die Zeitreise den Fluß entlang geschickt wird. Der offizielle Auftrag, den abtrünnigen Colonel Kurtz zu eliminieren, entgleitet Willard – und dem Film – zusehends, eröffnet dafür aber ein breitgefächertes Panoptikum von Coppolas Amerika, angefangen mit einem grandiosen Moment der Illusionsbrechung, in dem die Kamera auf das Filmteam hinter den Kulissen schwenkt, über die wahnwitzige Surffixierung des Colonel Kilgore und den surrealen Auftritt der Playmates, die einer unheimlichen Begegnung gleich aus dem Nachthimmel hereinschweben. Das Amerika des 20. Jahrhunderts: Mord und Krieg, Film, Surfen, die Verheißung von Sex – mehr nicht.

Schlimmer noch die Vergangenheit, die im Fortschreiten des Films dargelegt wird: die Ausbeutung der Natur, die Unterdrückung der Schwarzen, das Kolonialgebaren einer dekadenten Gesellschaft. Letzteres durch die längste neu implementierte Sequenz visualisiert, in der das Patrouillenboot auf einer französischen Plantage eintrifft. Diese höchst unwirklich anmutende Sequenz, die komplett einer anderen Zeit, einem anderen Jahrhundert zu entstammen scheint, enthält die entlarvendste Sentenz des Films, den der französische Kolonialherr voller Überzeugung darbringt: »Wir sind hier, weil wir um das kämpfen, was uns gehört – ihr Amerikaner kämpft lediglich um das größte Nichts in der Geschichte der Menschheit.« Nicht nur die Demaskierung amerikanischer Ziele, sondern auch die Hybris der Kolonialherren, ob in Indochina oder, Jahrhunderte zuvor, in Amerika selbst, wird hier, in einem Zug, offenbart.

Die Konfrontation mit Kurtz schließlich, dessen Terrorisierung der Einheimischen wenig verschlüsselt an die Ausrottung nordamerikanischer Indianer gemahnt, enthält jedoch die signifikanteste Modifikation des Ausgangsmaterials. Wie einst der Director's Cut von Blade Runner erlangt Apocalypse Now Redux gerade durch die Reduktion der Finalsequenz wahre Größe sowie eine der alten Version gegenüber fast diametrale Ausrichtung, die angesichts aktueller Geschehnisse ein wichtiges Zeichen setzt. Mehr ist von Coppolas einstmals exzessivem Egotrip heute kaum zu erwarten. 1970-01-01 01:00

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