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Antikörper

D 2005. R,B: Christian Alvart. K: Hagen Bogdanski. S: Philipp Stahl. M: Michl Britsch. P: MedienKontor Movie, Kinowelt. D: Heinz Hoenig, Wotan Wilke Möhring, André Hennicke, Jürgen Schornagel u.a.
127 Min. Kinowelt ab 7.7.05

»Das Böse ist ein Virus«

Von Stefan Höltgen Es gibt eine Tradition deutscher Serienmörderfilme. Die reicht von Paul Lenis Das Wachsfigurenkabinett (1924) bis zu Romuald Kamakars Der Totmacher (1995). Was diese Tradition auszeichnet, ist, daß sie den Serientäter stets als Metapher inszenierte: Als Versinnbildlichung der Angst vor Krieg und Gewalt, als unanpaßbares Element in Zeiten der Totalität, als Personifikation dunklen Begehrens. Vor allem in der Deutlichkeit dieser Metaphorik unterscheidet sich der deutsche vom amerikanischen Serienmörderfilm. Christian Alvart versucht nun mit Antikörper beide Traditionen aufzugreifen – und bricht damit beide ohne Gewinn.

Antikörper erzählt die Geschichte des Serienmörders Gabriel Engel, der 15 Knaben umgebracht hat und in Berlin von der Polizei gefaßt wurde. Ein mutmaßlich weiteres der Opfer ist ein Mädchen aus dem nahen Dorf Herzbach. Damit dort wieder Frieden einkehrt, reist der Polizist Michael Martens nach Berlin, um den Mörder zu der Tat zu befragen. Dieser stellt jedoch zur Bedingung, daß Martens ihm seine intimsten Gedanken offenbart. Aus dem Zusammentreffen entwickelt sich ein Konflikt, der Martens fast in den Abgrund treibt.

Antikörper will zu viel. Er will sich in der Ästhetik des amerikanischen Serienmörderfilms üben, hat aber »nur« deutsches Ambiente und zwei (hoffnungslos überforderte) deutsche Hauptdarsteller aufzuweisen. Der Plot bedient sich großzügig bei Demmes The Silence of the Lambs (USA 1990) und hält sich dabei noch für reflexiv.

Das einzig Originelle, mit dem Antikörper aufwartet, gerät nach kürzester Zeit zur aufdringlichen Plattitüde: Das Christen-Motiv (das von den Charakter-Namen bis hin zu kruzifixförmigen Löchern in Hausdächern zieht), die Charakterisierung von Amoralität als »übertragbare Krankheit« und die lächerliche Souveränität des inhaftierten Mörders … das alles mag im – wie man lesen kann – »außergewöhnlich präzise« ausgearbeiteten Drehbuch noch passen. Auf der Kinoleinwand verursacht es einen drittklassigen TV-Krimi. Als Kinofilm wirkt Antikörper so überzogen und unrealistisch wie die CGI-Rehe, die im Finale des Films die Erlösung vom Bösen suggerieren. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #39.
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