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Angel

B/F/GB 2007. R,B: François Ozon. B: Martin Crimp. K: Denis Lenoir. S: Muriel Breton. M: Philippe Rombi. P: Fidelité, Poisson Rouge, Scope u.a. D: Romola Garai, Lucy Russell, Michael Fassbender, Sam Neill, Charlotte Rampling u.a.
134 Min. Concorde ab 9.8.07

Dumme Gans, sagte man früher

Von Thomas Warnecke Es gibt zwei Arten, sich die Welt zu machen »wie sie mir gefällt«: die kindlich-anarchische und die pubertär-trotzige. Angel Deverell verfährt nach der zweiten. François Ozon mit seinem neuen Film leider auch.

Die realen Schriftstellerinnen, die als Vorbild für die Heldin von Elizabeth Taylors Romanvorlage von 1957 dienten, sind hierzulande vergessen oder sogar nie bekannt gewesen. Wir können uns mit Ozons Film trotzdem eine ziemlich genaue Vorstellung von der Literatur machen, mit der diese Damen und Angel ihre Erfolge feierten: seichte Dramatik, witzlose Wunscherfüllung, allenthalben Stereotype. Insofern entspricht Angel (der Film) genau Angel, der Heldin, denn aus eben den drei Bestandteilen setzt Ozon seinen Film zusammen, und es gibt keine einzige Einstellung, die uns annehmen ließe, das alles sei ironisch gemeint. Oder das, was wir ohnehin schon über Trivialliteratur zu wissen glauben, sei nur ein Klischee. Andersherum ist der Film gerade zu Anfang von solcher Kulissenhaftigkeit, daß niemanden Fassungslosigkeit befällt ob der Tatsache, daß es solche Karrieren wie die Angels tatsächlich gegeben haben könnte. Von heutzutage stattfindenden Erfolgsgeschichten arbeitsloser, schreibender Mütter ganz zu schweigen.

Nicht daß Ozon die Geschichte seiner Heldin selbst nicht glaubt – der entscheidende Grund, weshalb Angel gescheitert ist, oder weniger dramatisch ausgedrückt, belanglos, ist der folgende: Ozon glaubt nicht an das Genre, in das er sich begeben hat. Er glaubt nicht ans Melodram und seine wehenden Vorhänge, an die bedeutungsschwangeren Farben von Blumensträußen, an die Macht von Sonnenuntergängen und schwülstiger Musik. Er erzählt so spröde, wie es angesichts von Kostümen und Kulissen möglich ist, ohne jeden Überschuß an Sinn und Bedeutung, der aus Dingen Vorzeichen macht. Der Film ist sozusagen trocken, und müßte feucht sein. Ozon fehlt es an Fetischismus, und anstelle des ironischen Posierens der 8 Frauen läßt er hier – bis auf Michael Fassbender, der aber auch die doofste Rolle abgekriegt hat, ausnahmslos gute – Darsteller ernsthaft agieren. Das hat seinen bisher besten Film ausgemacht, Die Zeit, die bleibt, und den schönen Auftritt Bruno Cremers in Unter dem Sand, daß er Schauspielern zusehen kann und dem Eigensinn ihrer Figuren eher folgt. Angel hätte die Zwanghaftigkeit seiner moritatenhaften Konstruktionen gebraucht, das Ausmessen vorher festgelegter Räume, wie in Tropfen auf heiße Steine, Swimming Pool; oder Fünf mal Zwei.

Immerhin, Ozon hat sich augenscheinlich in Angel verliebt, in ihren Trotzkopf, in Romola Garais hervorstehendes Kinn und den abweisenden Zug ihres Schmollmunds. Und er hat es geschafft, daß wir dieses doofe, zickige und unsympathische Mädchen manchmal gar nicht so doof, zickig und unsympathisch finden. Pubertät eben. 1970-01-01 01:00
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