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Die Anfänger

Les Apprentis. F 1995. R: Pierre Salvadori. B: Pierre Salvadori, Philippe Harel. K: Gilles Henry. S: Hélène Viard. M: Philippe Eidel. D: François Cluzet, Guillaume Depardieu, Judith Henry, Claire Laroche, Marie Trintignant u.a.
97 Min. NIL Film ab 13.2.97
Von Dirk Steinkühler »Es ist wichtig, ein Sexleben zu haben, aber wer kein Geld und keinen Fernseher besitzt, hat es schwer bei den Damen.« Dieser Meinung ist zumindest der erfolglose Autor Antoine (François Cluzet). Seit ihm seine letzte Freundin den Laufpaß gab, wohnt er mit Fred (Guillaume Depardieu) in der Wohnung eines Bekannten. Die begründete Sorge, niemand interessiere sich auch nur annähernd für seine verqueren schriftstellerischen Ergüsse, läßt Antoines Herz so nervös wie zwei schlagen. Fred soll unbedingt beide hören und Antoine drückt schnell das Ohr des Freundes an seine Brust.

Wäre Die Anfänger eine deutsche Komödie, würde sich spätestens jetzt einer der beiden als Homosexueller outen und seinen Mitbewohner in zweideutige Abenteuer stürzen. Doch in Paris, wo nicht immer gleich alles hyperturbulent und witzig sein muß, ist dies der Beginn einer wunderbaren, rein platonischen Freundschaft zweier Männer. Pierre Salvadoris Film begleitet ihr planloses Leben, das lediglich von dem natürlichen Drang nach Selbstverwirklichung geleitet wird.

Fred versucht sich als Fotograf, interessiert sich aber viel mehr für seine selbstgewählte Auftraggeberin Agnès; Antoine erledigt kleine Arbeiten für eine Zeitschrift, in deren Büroräumen beide schließlich einen Geldschrank knacken. Nach ihrer Selbstdiagnose und der ihrer Mitmenschen führen sie kein »normales« Leben, hauptsächlich weil sie sich ungesund ernähren, und das, obwohl andere wie Agnès und ihr Partner Patrick keinesfalls gewöhnliche Vorlieben haben. Niemand kennt allerdings den »richtigen« Weg zum kollektiven Glück, keiner ergeht sich in seiner Verzweiflung, und jeder sucht letztendlich seine eigene Erfüllung. Wie wichtig dabei gute Freunde sein können, zeigt Freds unkonventionelle Hilfe, die zwar Antoines Krisen nicht löst, sie aber in jedem Fall lindert.

Die alltäglichen Tücken der Überlebenskunst werden von einer ruhig beobachtenden Kamera eingefangen, die nur auf der Straße zum handgeführten Verfolger wird. Die Story ist gespickt mit originellen Überraschungen und lakonischen Dialogen, ohne daß dabei ihre tragischen Komponenten an Intensität verlören. Die beiden sympatischen Hauptdarsteller, getragen von der leichtfüßigen Inszenierung, schaffen schließlich die perfekte Symbiose aus Lebenslust und -frust, fernab des schwerfälligen Geschwafels, mit dem uns das französische Kino sonst manchmal langweilen kann. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #05.
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