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Die andere Seite des Mondes

La Face cachée de la lune. CDN 2003. R,B: Robert Lepage. K: Ronald Plante. S: Phillippe Gagnon. M: Benoit Jutras. P: Media Principia Films FCL. D: Robert Lepage, Anne-Marie Cadieux, Marco Poulin, Céline Bonnier u.a.
105 Min. flax film ab 29.6.06

Der verhinderte Kosmonaut

Von Sebastian Gosmann »Der Mond ist der ideale Ort für all diejenigen, die auf der Erde ein schweres Leben führen.« Dies war die Vorstellung des bedeutenden russischen Physikers und Astronomen Konstantin Ziolkowski. Dessen bereits im Jahre 1903 veröffentlichte Raketengrundgleichung war die theoretische Grundlage für die Überwindung der für die Raumfahrt so hinderlichen Erdanziehungskraft. Philippes trauriger Blick, seine müden Bewegungen – seine insgesamt kraftlose Erscheinung läßt uns schnell zu dem Schluß kommen, daß Ziolkowski genau solche Menschen vor Augen gehabt haben muß, als er diese Worte sprach. Schon die erste Spielszene offenbart die ganze Melancholie der Hauptfigur.

Philippe ist einer jener Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihren Platz im Leben zu finden, deren verzweifelte Suche nach Sinn und Bedeutung sie lähmt, denen die Komplexität der Welt zu schaffen macht. Für ihn und seinesgleichen zeigt Robert Lepage viel Verständnis, stattet er seinen schwermütigen Charakter doch mit einem feinen (wenn auch mitunter sarkastischen) Humor und einer gehörigen Portion Charisma aus. Man wünscht ihm nur eine kleine Prise von der Gleichgültigkeit, die sein jüngerer, ihm so unähnlicher, Bruder André an den Tag legt, ein erfolgreicher TV-Meteorologe, mit dem er sich nach dem Tod der von Philippe vergötterten Mutter zwecks Nachlaßverwaltung arrangieren muß. Ein Ereignis im übrigen, das einen Vierzigjährigen eigentlich nicht vollends aus der Bahn werfen sollte. Tragischerweise schließt sich in Philippes Fall jedoch unwillkürlich eine weitere Frage an: Aus welcher Bahn?

Der einsame Single wohnt immer noch in der Wohnung seiner Eltern, und seine Doktorarbeit, deren Kernthese besagt, daß der Beweggrund für die Weltraumforschung im 20. Jahrhundert nichts weiter als purer Narzißmus gewesen sei, ist gerade das zweite Mal abgelehnt worden. Aber wenn die Akademie nichts wissen will von ihm, dann richtet er seine Botschaften eben an eine andersgeartete Klientel. Eher gelangweilt denn auf effiziente Wissensvermittlung erpicht, schlurft Philippe mit der Videokamera durch die irdische Lebenswelt und berichtet seiner (eventuellen) extraterrestrischen Zuschauerschaft von den Banalitäten der menschlichen Existenz. Vor allem in diesen Szenen darf die Figur dem Zuschauer Kostproben ihres herrlich trockenen Witzes kredenzen. Wenn Philippes Stimme uns dann von seinem Lieblingsthema erzählt und die Kamera währenddessen durch ein totalverspiegeltes Fitness-Studio gleitet, wird deutlich: Wenn Philippe mit seiner Narzißmus-These vielleicht ein Quentchen zu weit geht, so scheint der Motor vieler menschlicher Handlungen dennoch nicht selten eine Form von Selbstverliebtheit zu sein. Ich habe es mir übrigens verboten, an dieser Stelle des Textes frech darauf hinzuweisen, daß sich Autor und Regisseur Robert Lepage bei der Besetzung seiner Filmbrüder gleich zweimal für sich selbst entschied. Und dabei bleibt es auch.

Die andere Seite des Mondes sprüht nur so vor fabelhaften Einfällen. Dabei liegt einiges davon denkbar nahe. Wenn etwa die Kamera abtaucht in den Uterus der werdenden Mama und uns statt des im Fruchtwasser schwimmenden Embryos ein mittels Sauerstoffschlauch mit dem Mutterschiff verbundener Kosmonaut präsentiert wird, möchte man in die Hände klatschen, so einfach und gleichzeitig genial ist das. Vor allem aber besticht der Film durch seinen schier unbändigen, jedoch nie aufdringlichen visuellen Stilwillen. Es scheint, als gebe es kaum herkömmliche Schnitte. Stattdessen: grandiose Überblendungen. Der Mond wird zur Waschmaschinentrommel, eine Schultafel zur Fahrstuhltür, ein Goldfischglas zur Weltkugel. Des öfteren wird auf diese Weise eine der zahlreichen Rückblenden in Philippes Kindheit eingeleitet. Ansonsten werden diese Zeitsprünge auch gern mal mit einem eleganten Match Cut gelöst. Unaufhörlich scheint Philippe Gagnon mit seiner fließenden Bildmontage an der Auflösung von Zeit und (Welt-)Raum zu werkeln, jener Dimensionen, durch die uns Lepages außerordentlich vielschichtige poetisch-philosophische Reise führt.

Und wenn Philippe dann schlußendlich vom Boden abhebt, vermittelt dies zumindest eine Ahnung von der Leichtigkeit des Seins, und es hält auch uns nicht mehr lang in den Sitzen. Zufrieden und beseelt schweben wir von dannen. 1970-01-01 01:00
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