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Anatomie einer Entführung

The Clearing. USA/D 2004. R: Pieter Jan Brugge. B: Justin Haythe. K: Denis Lenoir. S: Kevin Tent. M: Craig Armstrong. P: Thousand Words, Fox Searchlight, Mediastream Dritte. D: Robert Redford, Helen Mirren, Willem Dafoe u.a.
91 Min. Fox ab 23.12.04

Es geschah am hellichten Tag

Von Frank Brenner Wird in einem Film ein Entführungsfall behandelt, konzentrieren sich die Drehbuchautoren und Regisseure häufig nur auf den Thrill, den man aus einer solchen ungewöhnlichen Situation herausholen kann. Gewohnte Tagesabläufe machen Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung Platz, Nervenkitzel entsteht, da das Leben eines Menschen auf dem Spiel steht und deswegen keine Fehler gemacht werden dürfen – weder beim Einschalten der Polizei noch bei der Lösegeldübergabe. Der von Alfred Hitchcock so geliebte Suspense zieht sich dann durch einen ganzen Film, weil der Zuschauer häufig Eingeweihter ist und mehr weiß als die bangenden Angehörigen, die den Entführer und dessen Motive nicht kennen. Handelt es sich gar um einen herausragenden Entführungsfilm, wie beispielsweise Ron Howards Kopfgeld – Einer wird bezahlen oder Andrew L. Stones In brutalen Händen, dann räumen die Filmemacher auch den Entführern einen angemessenen Raum in der filmischen Handlung ein, die zur Psychologisierung dient und zumindest ein wenig Licht in das Dunkel eines kriminell veranlagten Gehirns wirft.

Pieter Jan Brugges Film Anatomie einer Entführung ist ein außergewöhnlicher Genrefilm, der sehr spannend unterhält, ohne auf die thrillererprobten Handlungselemente zurückgreifen zu müssen. Stattdessen ist sein Film ein Musterbeispiel für ein psychologisches Vexierspiel, in dessen Mittelpunkt Opfer, Täter und Angehörige gleichermaßen stehen.

Wayne Hayes ist ein erfolgreicher Unternehmer, der es nach jahrzehntelanger Schufterei zu ansehnlichem Reichtum gebracht hat, der eine Villa mit Swimmingpool sein eigen nennt, in seiner Ehe mit Eileen jedoch in unspektakulärer Routine gefangen ist. Eines Tages wird er am helllichten Tag von dem Arbeitslosen Arnold Mack entführt, der ihn durch schier endlose Waldgebiete zu einer Hütte bringen soll, wo ihn die eigentlichen Erpresser in Empfang nehmen wollen. Wayne beginnt unterwegs einen Dialog mit seinem Entführer, während Eileen und die beiden erwachsenen Kinder des Paares zusammen mit dem FBI in der Villa eine Strategie erarbeiten, wie sie den Fall zu einem guten Ende bringen können, obwohl sie nicht die geringste Idee haben, wer der Verbrecher sein könnte.

Brugge hat seinen Film durchweg äußerst ruhig und zurückhaltend in Szene gesetzt. Es gibt kaum eine Einstellung, die darauf angelegt ist, die Nerven des Publikums vordergründig zu belasten. Doch gerade diese bedachte Inszenierungsweise, die das Eheleben der Hayes' ebenso seziert wie den Alltag des Entführers, ist auf die Dauer ungleich nervenstrapazierender als es offensichtliche Schockmomente jemals sein könnten. Damit das Psychogramm eines Kriminellen und seiner Opfer funktioniert, bedarf es freilich überzeugender Darsteller, die in der Lage sind, derartige Szenen mit ihrer Präsenz zu führen. Pieter Jan Brugge hat gleich eine ganze Reihe hochkarätiger Schauspieler zur Verfügung. Robert Redford, der in Würde gealterte Filmstar, spielt das Opfer, das sich mit taktischem Kalkül aus der Zwickmühle zu befreien versucht. Helen Mirren ist seine distinguierte Ehefrau, die über den Schmerz der Entführung hinaus auch noch mit der erniedrigenden Tatsache zurechtkommen muß, daß ihr Mann auch nach seiner Entlarvung die Beziehung zu seiner Geliebten hinter ihrem Rücken aufrecht erhielt. Und schließlich ist da noch der talentierte, immer wieder aufs Neue in fordernden Nebenrollen überzeugende Willem Dafoe, der den Entführer als eine Mischung aus biederem Allerweltsbürger und enttäuschtem Psychopathen spielt. Anatomie einer Entführung ist ein Film, der zwar mehr Fragen aufwirft als Antworten bietet, dem es aber auf faszinierende Weise gelingt, einen Kriminalfall von mehreren Seiten psychologisch zu analysieren. 1970-01-01 01:00
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