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Anam

D 2001. R,B: Buket Alakus. K: Marcus Lambrecht. S: Ann-Sophie Schweizer. M: Mehmet Ergin. P: Wüste Film, ZDF, Arte. D: Nursel Köse, Saskia Vester, Audrey Motaung, Patrycia Ziolkowska, Navid Akhavan u.a.
86 Min. Nighthawks Pictures ab 25.4.02
Von Thomas Waitz »Aber wie willst du ihm denn bloß helfen«, wird Anam einmal gefragt, und ohne lange zu überlegen, antwortet sie mit trotzigem Blick: »Mit Mutterliebe.« Das allerdings, wird sich bald herausstellen, ist ein Rezept, das kaum ausreichen wird, immerhin steckt ihr Sohn Deniz tief im Drogenmilieu – und überdies ist er seit ein paar Tagen verschwunden.

Selten hat es einen Debütfilm gegeben, der mit soviel Vorschußlorbeeren in die Kinos kam wie Anam von Buket Alakus. Die junge Regisseurin, die erst an der Berliner Hochschule für Bildende Künste ein Studium zur Kommunikationswirtin absolvierte, um danach in Hamburg noch Filmregie anzuschließen, konnte bereits auf zahlreichen Festivals – etwa in Hamburg, München oder Oldenburg – mit ihrem sympathischen und mit leichter Hand gestalteten Langfilm reüssieren.

Anam ist Türkin, sie ist Putzfrau, und – man muß es leider so sagen – sie sieht auch so aus. Wie einen »Schattenmenschen«, geduckt und an den Rand gedrängt, spielt ihn Nursel Köse, und sie vollbringt das mit unglaublicher Präsenz und entwaffnender Ehrlichkeit. Wer die unscheinbare, sich nach außen hin stets unterordnende Frau indes näher kennenlernt, der sieht einen starken Menschen voller Humor und Schlagfertigkeit. Zwei Eigenschaften, die sich als Glück erweisen sollen – angesichts dessen, was alles über sie hereinbrechen wird. Immerhin ist sie nicht ganz allein, da sind noch die beiden anderen in ihrer Putztruppe: Rita, Deutsche, und Didi, Südafrikanerin. Die eine männerverrückt, stets grell geschminkt, die andere mit kindlich-naivem Lebensmut gesegnet. Eine bunte Truppe, so scheint es, und doch schimmern Abgründe hinter dieser Fassade. Man schlägt sich mehr schlecht als recht durch. Das andauernde Zuspätkommen, der Hohn und Spott der übrigen Kollegen, ein recht freudloser Alltag – aber es könnte funktionieren, solange man zusammenhält. Der Zusammenhalt in Anams Familie hingegen ist da längst nur noch Schein – daß ihr Mann sie seit langem betrügt und ihr Sohn drogenabhängig ist, abgetaucht im Hamburger Kiez, das stellt sich fast beiläufig heraus. Die gemeinsame Stärke der Freundinnen wird auf eine harte Belastungsprobe gestellt: Doch Anam entscheidet sich, nicht länger nur erduldende Zuschauerin ihres eigenen Lebens sein zu wollen.

Eine abenteuerliche Suche beginnt, die in einem doppelten Sinne auch als Selbstfindung gelesen werden kann. Geschickt verknüpft Anam Sozialdrama, Emanzipationsgeschichte und Milieuporträt – getragen von einer beeindruckenden Hauptdarstellerin und einem alles durchdringenden Witz. Es ist eine sehr eigene Form von Humor, die in Anam mitschwingt, eine, die ganz nahe bei der Verzweiflung und Verzagtheit liegt, und die etwas von einer tiefliegenden, inneren Verletzbarkeit erzählt, die manchmal keinen anderen Ausdruck findet, als in dem trotzig geäußerten »Mit Mutterliebe!«, und sei das noch so absurd.

Erst verliert Anam ihren Mann, anschließend das Kopftuch, und die Absätze an den Schuhen gehen auch irgendwann drauf – das alles ist jedoch weit entfernt von platter Symbolik und besticht durch einen differenzierten, für Verständnis und Toleranz werbenden Blick auf eine alle kulturellen Grenzen überschreitende, universell-menschliche Geschichte. Ganz knapp erzählt der Film das alles, ohne falsche Emotionalität, aber mit einer bewegenden Nähe zu seinen Figuren. In flächigen, etwas diffusen Bildern – die reduzierte Bildqualität mag den Produktionsbedingungen geschuldet sein – entsteht hier ganz nebenbei eine Dichte und Konzentration, die vielen anderen Filmen ähnlichen Zuschnitts fehlt.

Was ihr größter Wunsch sei, wird Anam dann in einem Moment gefragt, bei dem Ausgelassensein und tiefste Traurigkeit ganz nahe beieinander liegen, und sie antwortet: Zufriedenheit – Gesundheit – Autofahren. Manche Wünsche werden wahr. 1970-01-01 01:00

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