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Amores Perros

MEX 2000. R,S: Alejandro González Iñárritu. B: Guillermo Arriaga Jordan. K: Rodrigo Prieto. S: Luis Carballar, Fernando Pérez Unda. P: AltaVista, ZETA. D: Emilio Echevarría, Gael García Bernal, Goya Toledo, Álvaro Guerrero u.a.
147 Min. X-Verleih ab 1.11.01
Von Diego Lerer Von Anfang an überrascht Amores Perros als unüblicher Film – für das lateinamerikanische Kino im allgemeinen und das mexikanische im besonderen. Dabei ist es im Grunde nur eine Frage der Bilder. Sein Rhythmus, seine Kraft, seine vorsichtig erarbeitete Visualität ruft vor dem geistigen Auge eine Ästhetik hervor, die Elemente von MTV mit dem ästhetisch korrekten, schmutzigen Realismus eines David Fincher in Seven oder Danny Boyle in Trainspotting verbindet. Aber dies hier ist Mexiko. Ein Mexiko, das sich spaltet in extreme Armut, eine mit dem Regierungswechsel eng verknüpfte Hoffnung (zum ersten Mal seit den 70er Jahren hat der PRI die Macht verloren) und die Nähe (teilweise ästhetischer, manchmal sogar ideologischer Natur) zu den lateinamerikanischen Nachbarn.

Alejandro González Iñárritu, seit langem als Publizist tätig, hat von der Quelle des nordamerikanischen Kinos getrunken. Amores Perros, ein Film, der in fernen Ländern als Arthaus-Kino katalogisiert werden wird, ist für die Mexikaner tatsächlich ein populärer Film, ein massiver Publikumserfolg, wie er bisher selten gesehen wurde. Selbst in Argentinien, wo die Zuschauer normalerweise eher reserviert auf Filme aus anderen spanischsprachigen Ländern reagieren, wurde der Film zu einem Erfolg, sowohl beim Publikum als auch bei den Kritikern. Jenseits seiner ästhetischen Verdienste ist es die Art, in der Amores Perros die soziale Problematik mit der historischen Vergangenheit Mexikos verbindet, ferner noch die überwältigende Weise, in welcher der Regisseur die Schauspieler führt und jene Geschichte sowohl narrativ als auch visuell zu erzählen vermag, die den Film bedeutend macht, weil dieser dem Rest der Welt mitzuteilen vermag, daß südlich des Río Grande die Welt vor Ideen sprüht, die sich nicht auf den Export eines Ricky Martin beschränken.

Amores Perros, soviel ist klar, annulliert nicht jenen Blick auf den Kontinent, den man von außen haben könnte. Aber er modifiziert die Vorstellung von der Art von Film, die in diesen Gefilden gedreht wird. Für die Augen der Welt – und für eine Generation, die noch nie einen lateinamerikanischen Film gesehen hat – zeigt dieser Film, daß es viel zu sehen gibt auf einem Kontinent, der solche Filme hervorbringt, die zudem scheinbar aus dem Nichts kommen.

Amores Perros dient dazu, eine Generation von Filmemachern zu präsentieren, die im Schatten der etablierten und kanonisierten Namen arbeitet, und er dient auch dazu, die Türen für experimentellere und modernere Versuche zu öffnen, ohne übertriebene Angst vor kommerziellen Einbrüchen haben zu müssen. Es ist wahrscheinlich, daß vor den Augen anderer Länder das ästhetische Unterfangen, das Amores Perros für den mexikanischen und lateinamerikanischen Film eingegangen ist, sich mit dem Bild vergleichen läßt, das der Rest der Welt nach Lola rennt vom deutschen Kino hat. Da ich in Argentinien lebe, möchte ich mir nicht anmaßen, ein Kenner des aktuellen deutschen Filmgeschehens zu sein, will mir aber dennoch erlauben, von einer Tendenz zu sprechen, die man heutzutage an Orten wie Buenos Aires entwickelt – wo gerade eine erfolgreiche »Woche des Neuen Deutschen Films« stattfand – Filme wie Lola rennt oder eben Amores Perros als Eintrittskarte zur Kinoproduktion eines bestimmten Landes zu betrachten; als eine erfreuliche, starke und effektive Einladung, ein Filmgeschehen kennenzulernen, das vor Leben strotzt.

Und das ist genau das, was Amores Perros auf diesem Kontinent hervorgebracht hat. Como nueve reinas oder La Ciénaga in Argentinien, der mexikanische Film Y tu mamá también, oder, aus einem klassischeren Metier, Estación Central aus Brasilien: All das sind Filme, die die Leute dazu gezwungen haben, aufmerksam zuzuschauen. Ihren Blick auf einen Kontinent und seine zahlreichen Filmproduktionen gleiten zu lassen, der noch viel zu sagen hat. Und daß vor allem die Dinge, die vibrieren, ja, rhythmisch schlagen, am Leben sind.

Der Autor ist Filmredakteur bei »El Clarín« in Buenos Aires, der auflagenstärksten spanischsprachigen Tageszeitung. 1970-01-01 01:00

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