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American Psycho

American Psycho. USA 2000. R,B: Mary Harron. B: Guinevere Turner. K: Andrzej Sekula. S: Andrew Marcus. M: John Cale. P: Lions Gate. D: Christian Bale, Willem Dafoe, Jared Leto, Samantha Mathis, Chloe Sevigny, Reese Witherspoon u.a.
101 Min. Concorde ab 7.9.00

Rot und Weiß

Von Rüdiger Suchsland Im ersten Augenblick strahlt die Leinwand so schneeweiß, wie noch nie am Beginn eines Films. Reine Unschuld. Ausgerechnet hier, wo selbst diejenigen, die Bret Easton Ellis' American Psycho nur vom Hörensagen kennen, das Kino kaum ohne flaues Vorgefühl betreten werden. Dann flüssiges Rot. Noch strahlender auf dem weißen Hintergrund. Blutstropfen natürlich. Oder?

Wie sich jetzt alles in Sekundenschnelle ereignet, wie sich Kopfbilder und Assoziationen, Lektüre-Erinnerungen und Vorahnungen etwaiger Gemütsproben zum Bewußtseinsstrom verdichtet, ironisch in die kalte Reinheit eines Nouvelle Cuisine-Tableaus auflösen, ist ein bewundernswerter Auftakt. Am eigenen Leib erfährt der Zuschauer hier schon alles über eine Geschichte, in der auch im folgenden Träume, Phantasien, Vorgestelltes und die Verflüssigung der inneren Gewißheiten, ihre Auflösung in den Objekten das Thema sind. Wer Ellis' Roman gelesen hat, kann und will sich eine Verfilmung kaum vorstellen. Dies nicht nur, weil es sich um eines der Bücher des Jahrzehnts handelt, nicht weniger generationsbildend als vor vier Dekaden Kerouacs »On the road«. Das Problem besteht vielmehr in Ellis' Stil und – in seinen Themen. Mehr noch als von der Serienkiller-Story lebt das Buch von der Beschreibung eines Milieus und seiner Epoche, der inneren Verschmelzung von einem historischen Ort – dem Manhattan der Yuppie-Ära vor dem 87er-Crash – und den Menschen, die ihn bevölkern.

Ellis ist wahrscheinlich kein zweiter Proust, aber vielleicht der Balzac unseres Zeitalters. Das hervorstechendste Merkmal seines Buches ist die Präzision der Beschreibung. Selbst die Psychologien der Figuren werden hier durch genaue Schilderung der sie umgebenden Objekte, durch Spiegelung ihres eigenen Fetischismus entwickelt. Es handelt sich um eine Präzision der Quantität: Hauptfigur Patrick Bateman ist repräsentativ: hyperrealistisch, aber »so« nicht in natura vorstellbar. Die Tatsache, daß er ein Serienmörder ist, tut dem keinen Abbruch, sie bestätigt vielmehr das Verfahren des Autors.

Da sich noch der bestialischste Mord in der gleichen Tonlage beschreiben läßt, wie das langweilige Dinner im Luxusrestaurant, ruft er im Leser ähnliche Gefühle wach: Langeweile, Überdruß, moralische Gleichgültigkeit. Die Faszination des Publikums für Bateman liegt genau darin: Daß an ihm alles gleich gültig ist, daß man begreift, daß so einer keine Kunstfigur ist: ein exquisit gekleideter Serienkiller, ein teuerst parfümierter Sadist, ein von Reinlichkeitsobsessionen gequälter Mörder.

Daß dieser Eindruck sich auch in Mary Harrons Verfilmung einstellt, liegt vor allem an den Akteuren: Ob Christian Bale als Patrick Bateman oder Chloë Sevigny, Reese Witherspoon, und Willem Dafoe – sie verkörpern ihre fragwürdigen Charaktere an der Grenze zum Parodistischen, aber ohne sie zu denunzieren, so daß man in ihrer Würde auch sich selbst erkennen kann. Was tun mit solch einem Stoff? Harron weicht vielem aus; und das ist klug. Sie verläßt sich ganz auf Atmosphärisches, genauer: auf die Abstraktion der Atmosphäre. Sie zeigt idealtypische Räume, Personen, Situationen. In diesem Verzicht auf Naturalismus ahmt sie genau das Verfahren des Romans nach: die präzise Darstellung der Wirklichkeit, durch deren kontrollierte Überbietung. So gelingt ihr das Kunststück, eben von der Ambivalenz zu erzählen, die Thema ist: dem – nur scheinbar paradoxen – Nebeneinander von Normalität und Wahnsinn.

American Psycho ist ein Film über einen Serienkiller, aber kein Serienkiller-Film geworden. Auf Suspense setzt Harron nicht, vielmehr wird damit gespielt, daß man das Buch kennt, daß man weiß, daß Bateman ein Killer ist und daß er nicht erwischt werden wird, schließlich, daß man die 80er Jahre kennt. Keine Mainstream-Konzessionen. In klinischer Kälte zeigt der Film moralische Korruption, Gier, Konsumfetischismus. Statt eines Thrillers oder einer Psychostudie entstand so eine düstere Komödie, die es vermeidet, allzuviel Gewalt zu zeigen. Gelegentlich fühlt man sich an A Clockwork Orange erinnert, doch der Ton bleibt ein ganz eigener. Zu vielem hätte man diese Vorlage verarbeiten können; Mary Harron verzichtete auf die Hüllen und griff nach dem Kern. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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