— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Am Tag als Bobby Ewing starb

D 2006. R,B: Lars Jessen. B: Ingo Haeb, Kai Hensel. K: Andreas Höfer. S: Elke Schloo. M: Jakob Ilja, Paul Rabiger, Element of Crime. P: Mira Film. D: Peter Lohmeyer, Gabriela Maria Schmeide, Franz Dinda, Nina Petri, Richy Müller, Luise Helm, Rocko Schamoni u.a.
95 Min. jetfilm ab 2.6.05

Vom Atomstaat zum Symptomstaat

Von Oliver Baumgarten 1986: Das Atomkraftwerk Brokdorf richtet sich in der wunderschönen norddeutschen Wiesenlandschaft empor wie eine Eiterquaddel im Antlitz der Schönheit. Lange hatten sie gegen seine Errichtung gekämpft, am Ende blieb aber nur der Frust darüber, ihren so einfallsreich geführten Kampf verloren zu haben. Das bunte Volk der Kernkraftgegner war also enttäuscht abgewandert aus Brokdorf, sporadische Demos vor den Toren des Kraftwerks wirkten fortan eher wie Besichtigungen interessierter Reisegruppen, derart reduziert präsentierte sich der kümmerliche Rest des Widerstands.

Zu den wenigen, die geblieben sind, gehört die »Alternative Wohnkollektiv Regenbogen«, eine aus fünf Personen bestehende Landkommune. Für ihre Bewohner sind Widerstand, Politisieren und Kollektiv zum Lebenszentrum geworden, eine Alternative zum alternativen Leben scheint unvorstellbar. In diese Zeit hinein platzen Hanne und ihr Sohn Niels aus Bremen und schließen sich der Kommune an. Tantra-Sex und Schafe scheren, Schreitherapie und Diskussionsabende – der gestreßten Hanne gefällt's, während Niels sich kopfschüttelnd abwendet. Doch sie kommen zu spät. Was Hanne gesucht hat, findet sie nur noch an der Oberfläche, statt dessen wird sie Zeuge des Endes einer Ära. Als der Super-GAU in Tschernobyl und der Tod Bobby Ewings in »Dallas« auch noch auf einen Tag fallen, ist dieses Ende nicht mehr aufzuhalten.

Die 80er – sie sind nun auch schon gut zwanzig Jahre passé, sind popkulturell in sämtlichen Medien bis zum Erbrechen exploitiert worden, und trotzdem verlieren sie nicht an Reiz und Popularität. Warum bloß? Mit reinem Amüsement über schräge Frisuren, fiese Farbkombinationen und simpelste elektronische Musik ist das Phänomen nicht zu erklären, daß gerade im neuen Jahrtausend die 80er nicht aus der Mode kommen wollen. Einen aus heutiger Sicht exotischen Geschmack pflegte man schließlich auch in jedem anderen Jahrzehnt. Daß so zahlreiche filmische Aufarbeitungen der 80er in Deutschland ins Kino kamen, war lange Zeit dadurch zu erklären, daß dies das Jahrzehnt war, in dem die junge Generation der Regisseure und Autoren aufwuchs. Und auch Lars Jessen erzählt häufig davon, daß Am Tag als Bobby Ewing starb durchaus auf Erlebnisse seiner eigenen Jugend rekurriert.

Doch Am Tag als Bobby Ewing starb beweist etwas anderes viel deutlicher und eindrucksvoller. In den 80ern hatten viel mehr Menschen klare Ideale, und es war auch wesentlich einfacher, diese zu vertreten. Helmut Kohl, die Atommafia, die Polizei – alle hingen irgendwie zusammen und bildeten ein klares Feindbild. Der Gegner, gegen den es sich zur Verteidigung der Ideale zu richten galt, war somit deutlich auszumachen – umgekehrt natürlich genauso. Den Menschen im Westdeutschland der 80er ging es zudem auch wirtschaftlich ausgesprochen gut. Sorgen machte nicht die nackte Existenz, sondern die Volkszählung, das Waldsterben, die Atompolitik, Kriege und Hunger in fernen Ländern. Am Tag als Bobby Ewing starb macht die Sehnsucht nach all dem deutlich wie kein Film zuvor. Sich in der heutigen Zeit Ideale zu leisten kollidiert mehr denn je mit wirtschaftlichen Existenzfragen, und auch ein klares Feindbild ist nicht auszumachen. Die kapitalistische Gesellschaftsform in ihrem aktuellen Zustand krankt an so vielen Ecken und Enden, daß die Menschen nicht nur ständig damit beschäftigt sind, Löcher zu kitten, sondern überdies auch überhaupt nicht mehr wissen, gegen wen sich ihr Groll überhaupt richten soll. Gerhard Schröder? Das Kapital? Die Globalisierung? Europa? George Bush? Florida-Rolf? Zeiten, in denen jeder darauf bedacht ist, nichts zu verlieren, eignen sich nicht zur Realisierung persönlicher moralischer Heroismen. Da paßt es, daß nun auch das Ende der 68er Generation und ihres immer mehr zur Symptompolitik verkommenen Ausverkaufs der Ideale dräut. Depression ist angesagt.

In Lars Jessens Film liegt all das unter der von ulkiger Ausstattung und nostalgischem Witz geprägten Oberfläche, womit Am Tag als Bobby Ewing starb eigentlich mehr über das Heute erzählt als über das Gestern. Von einem wie üblich hervorragenden Peter Lohmeyer angeführt, kommt dem Ensemble hier eine tragende Funktion zu, um den Eindruck zu erwecken, daß die 80er irgendwie noch weiter entfernt wirken, als sie es eigentlich sind. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap