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Am Limit

D/A 2007. R,B: Pepe Danquart. K: Wolfgang Thaler, Martin Hanslmayr, Franz Hinterbrandner, Max Reichel. S: Mona Bräuer. M: Christoph Israel, Dorian Cheah. P: Hager Moss Film, Lotus Film, Quinte Film.
95 Min. Kinowelt ab 22.3.07

Höhenrausch

Von Jutta Klocke Vom Fan-Team-Verhältnis einer Ostberliner Eishockey-Mannschaft über die Höhen und Tiefen des deutschen Radteams der Tour de France zu zwei an dünnem Seil hängenden Speed-Kletterern – Pepe Danquart hat sich mit jedem Teil seiner Sport-Trilogie mehr und mehr aus dem öffentlichen Raum des Sports zurückgezogen. Erzählte »Heimspiel« nicht nur vom Vereinsalltag der »Eisbären Berlin«, sondern setzte diesen auch in Bezug zu der allgemeinen Befindlichkeit im wiedervereinten Deutschland, blieb die Außenwelt um die Protagonisten der Höllentour schon anonymer. Phänomene wie das Medienspektakel um das französische Radrennen oder die am Rand der Strecke campierenden Zuschauer rückten in Danquarts Fokus hinter die Sportler selbst, die auf der Strecke körperliche wie mentale Hürden bewältigen müssen. Mit Am Limit schließlich ist der Filmemacher am Gegenpol des Publikumsports angekommen. Anders als die zuvor gewählten Disziplinen ist Alpinklettern ein geradezu privater Sport – den einsamen Kampf gegen den Berg trägt man abseits der Medien und eines trikottragenden Massenpublikums aus.

Dabei nimmt sich das Erklimmen eines Gipfels in schnellstmöglicher Zeit oberflächlich betrachtet gar nicht so viel anders aus als das Extrem-Radeln durch Frankreich bis zum Pariser Ziel. Hier wie dort geht es um die Beherrschung von Körper und Geist, um Kräfteeinteilung, Präzision und Ausdauer. Und doch bleibt dem ersteren eine ganz besondere Qualität vorbehalten, die über den Charakter einer reinen Sportart hinausgeht. Denn wer auf Zeit klettert, darf sich keine Fehltritte erlauben; das eigene Versagen kostet nicht irgendeinen Tabellenplatz, sondern – und das ist für viele gerade der Kick – das Leben. Bei aller erlernbaren Technik und hochentwickelten Ausrüstung ist jede Klettertour vor allem ein Grenz- und Selbsterfahrungstrip. Sowenig sich eine solche Individualsportart für die Live-Übertragung im Fernsehen eignet, so ideal erscheint sie dank der ihr von Natur aus innewohnenden Dramatik und der sich anbietenden Reflexion über allgemeine menschliche Fragen für die Kinoleinwand. Dieses Potential hat auch Danquart gespürt, als er bei der Suche nach einem Thema für den letzten Teil seiner Trilogie auf die Huber-Buam traf.

Die bayerischen Brüder, als zwei der besten Alpinkletterer Stars unter Gleichgesinnten, ähneln sich nur auf den ersten Blick. Die Liebe, nein, eher der innere Zwang zum Extremsport eint die beiden, deren unterschiedliche Charaktere sich zwar oft genug aneinander reiben, die aber ihre Einheit nicht hinterfragen, wenn es daran geht, das eigene Leben in die Hand des anderen zu legen. Das in Erfolg und Selbstverständnis so ungleiche Paar erweist sich als perfekte Wahl Danquarts, um den Menschen hinter dem (Extrem-)Sportler aufzuspüren, denn die Huber-Buam gewähren großzügig und ohne Eitelkeit Einblick in ihr Innerstes, erzählen freimütig von dem, was sie immer wieder antreibt, aber auch von Schwächen, Konkurrenz oder Eifersucht.

Mit seinem schwindelfreien Team hat der Regisseur die beiden auf einigen ihrer Touren begleitet; die Dramaturgie seines Films wird hauptsächlich durch den Versuch der Brüder bestimmt, die 1.000 Meter hohe Granitwand des »El Capitan« im Yosemite Nationalpark schneller zu erklettern als jeder andere. Die selbstreflexiven Kommentare von Alexander und Thomas sind im Wechsel mit spektakulären Szenen aus der Wand und meditativen Panoramabildern der Bergwelt montiert, und jedes dieser drei Elemente trägt seinen Teil zur Wirkung des Films bei. Die Kulissen des Yosemite Valley oder Patagoniens liefern den passenden Rahmen für ein Porträt von Grenzgängern von ganz allein, denn ihre Erhabenheit spiegelt sich in jeder Einstellungsgröße, vom Panorama bis zur Nahaufnahme, wider. Die Kletterszenen hinterlassen dank der Nähe waghalsiger Kameraleute zu den beiden Brüdern einen geradezu körperlichen Eindruck beim Zuschauer; Höhenangst und Nahtoderlebnis sind auch vom Kinosessel aus zu spüren. Die philosophischen Einschübe von Kollegen oder einem kauzigen Parkbewohner tun ihr übriges, um keinen Zweifel darüber zu lassen, daß es sich beim Klettern längst nicht mehr um einen Sport, sondern um ein Lebensgefühl handelt.

Das sich aus diesem szenischen Wechselspiel ergebende Gesamtbild wird allein dann getrübt, wenn der Film seine dokumentarische Ebene verläßt und durch eine allzu aufdringliche Musikuntermalung oder nachgestellte Szenen in den Bereich des Fiktionalen eindringt – und Danquart damit sein gar nicht notwendiges Mißtrauen gegenüber dem bloßen Wort oder Bild auf ähnliche Weise offenbart wie sein Kollege Kevin Macdonald in der Kletterer-Dokumentation Touching the Void. Denn die aus dem Realen geschöpfte Dramatik wird durch die Fiktionalisierung nicht erhöht, sondern im Gegenteil nur geschmälert. Wenn einer der Brüder abrutscht und sein meterlanger freier Fall dem Rekordversuch am »El Capitan« vorerst ein Ende setzt, braucht es kein musikalisches Getöse, um den Zuschauer daran zu erinnern, daß es auch viel schlimmer hätte ausgehen können. Und die Angst, die selbst einen Extremsportler befällt, bevor er das Unmögliche versucht, führen die Huber-Buam in ihrem breiten Bayerisch ungleich plastischer vor Augen als die gespielte Traumsequenz, in der einer von ihnen den Halt verliert und ins Nichts stürzt. Sieht man aber von diesen glücklicherweise wenigen Momenten dramaturgischen Übereifers ab, ist Danquart ein eindrucksvoller und dank seiner Protagonisten erstaunlich ehrlicher Film gelungen über die bewußte Auseinandersetzung mit der Winzigkeit des eigenen Ichs und den gleichzeitigen Willen, die damit einhergehenden Ängste und Zweifel immer wieder aufs Neue zu überwinden. 1970-01-01 01:00
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