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Am Ende kommen Touristen

D 2007. R,B: Robert Thalheim. K: Yoliswa Gärtig. S: Stefan Kobe. M: Anton Feist. P: 23/5 Filmprod. D: Alexander Fehling, Ryszard Ronczewski, Barbara Wysocka u.a.
85 Min. X Verleih ab 16.8.07

Requiem für einen sensiblen Ort

Von Kyra Scheurer Stanislaw Krzeminski ist alt geworden. Sein Leben hat er im Lager verbracht, in Auschwitz. Erst als Häftling, später als Überlebender im Dienst der Gedenkstätte, im Dienst des Erinnerns. Als einer der letzten Zeitzeugen trifft er auf Schulklassen und auf Lehrlingsgruppen der deutschen Industrie, die sich in Oswiecim – wie die polnische Kleinstadt Auschwitz jenseits des Lagers heißt – wieder neu ansiedelt. Manchmal wird Krzeminski auch gebeten, einen neuen Teilort des kollektiven Gedenkens einzuweihen. Solche Auftritte sind für ihn oft nicht angenehm. Aber Krzeminski selbst ist auch nicht gerade ein angenehmer Mensch – wie sollte er auch, geprägt von seinen Erfahrungen als Häftling.

Seine eigentliche Berufung sieht der Alte darin, die Koffer von Auschwitzopfern zu restaurieren – so sorgfältig, als würden ihre Besitzer jeden Augenblick zurückkommen. Zu sorgfältig, finden die Mitarbeiter der Gedenkstätte, die moderne Methoden haben und ihre Exponate authentisch wünschen. Krzeminski wird ausgebootet und bekommt keine Koffer mehr. Weil er seine eigene Form des Erinnerns und Verarbeitens entwickelt hatte als Überlebender, für den kein Platz mehr zu sein scheint in Auschwitz, das bei all dem täglich-touristischen Gedenken immer mehr vergißt.

Um Kreminskis Gesundheit allerdings wird sich gekümmert – es ist schließlich »ein sensibler Ort hier«, und wie würde es auf die Weltöffentlichkeit wirken, wenn ein ehemaliger Häftling sich abends auf dem Rückweg von der Kneipe verirrte oder Schlimmeres. Krzeminski soll jetzt regelmäßig zur Krankengymnastik, und er bekommt eigens einen Betreuer zur Seite gestellt. Einen jungen Deutschen, der seinen Zivildienst in der Gedenkstätte absolvieren muß, obwohl er das eigentlich in einer Amsterdamer Jugendherberge tun wollte. Dieser unbedarfte, indifferente blonde Sven wird sogar zunächst zum Mitbewohner des alten Mannes, den keiner vorher informiert hat.

Bedrückend, dicht und fesselnd ist die Geschichte von Stanislaw Krzeminski, der kongenial verkörpert wird von der polnischen Schauspiellegende Rysnard Ronczewski, der mit Wajda arbeitete und viele Überlebende in seinem Freundeskreis hatte. Doch leider erzählt Am Ende kommen Touristen, der neue Film von Robert Thalheim, nicht die Geschichte des Stanislaw Krzeminski – sondern die des tumben Sven, der wie seinerzeit Thalheim selbst den Zivildienst an diesem »sensiblen Ort« ableistet und auf viele Leute, darunter auch den Überlebenden Krzeminski, trifft. Es hätte eine eindringliche Studie über Kommunikationsbarrieren werden können und über langsame Prozesse der Annäherung – über die Grenzen zwischen Generationen vor allem auch zwischen denjenigen Deutschen, denen »die Gnade der späten Geburt« zuteil wurde, und denen, die sich noch erinnern, erinnern müssen. Statt dessen sehen wir einen Film, der überfrachtet wird mit symbolhaften Redundanzen, dessen Hauptdarsteller zwar akzeptabel spielt, aber für die Rolle viel zu alt und damit zu souverän erscheinend gecastet wurde und – hier kommen wir zum wesentlichen Punkt – dessen Dramaturgie über weite Strecken schlichtweg vergeigt wurde. Das macht eine Geschichte, die von einer ganz wunderbaren, ganz einzigartigen Grundidee ausgeht, und einen Regieansatz, der dankenswerter Weise die Tränendrüsen vermeidet und auf Echtheit setzten will unglaubwürdig. Leider.

Aber wenn die eben noch in der Gedenkstädte angehimmelte polnische Fremdenführerin bald zufällig die neue Vermieterin und natürlich auch Freundin von Sven wird und wenn dann noch der aggressive polnische Bandleader und Gelegenheitsarbeiter, der ihn mit seinen »Fritz«-Späßen beim nächtlichen Konzert in Oswiecim gekränkt hat, deren Bruder ist und miteinzieht – dann sind das einfach ein paar Zufälle zuviel. Und was noch unverzeihlicher ist: Der Film geht nicht weit genug. Er scheut es, angesichts der unfreiwilligen Peinlichkeiten, die im Miteinander von Zeitzeugen und Jugendlichen und zwischen Sven und seiner Ania aufkommen ein echtes »Feel-bad-movie« zu werden wie etwa Maren Ades Der Wald vor lauter Bäumen, dessen unangenehmem Sog sich der Zuschauer nur schwer entziehen kann. Am Ende kommen Touristen hingegen gelingt ein angesichts der Relevanz der Thematik, der persönlichen Bezüge des Regisseurs zur Geschichte und auch angesichts von Thalheims großartigem Debütfilm Netto ein völlig unerwartetes Kunststück – über weite Strecken langweilt dieser Film. 1970-01-01 01:00
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