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Der Alte Affe Angst

D 2003. R,B: Oskar Roehler. K: Hagen Bogdanski. S: Uli Schön. M: Martin Todsharow. P: Bioskop, TV60. D: André Hennicke, Marie Bäumer, Vadim Glowna, Christoph Waltz u.a.
92 Min. X Verleih ab 24.4.03

Großes Kino aus Deutschland

Von Dietrich Brüggemann Sensibler Regisseur in Berlin hat Beziehungsprobleme. Jeder dieser vier Begriffe ist für sich als Filmstoff irgendwie leicht abgegriffen und zusammengenommen erst recht. Wer will so was sehen?

Es mag sein, daß dieser Film ein Marketing-Problem hat, doch das ist auch schon sein einziges. Die Hauptfiguren haben in der Tat Probleme, und was Oskar Roehler daraus macht, ist zwingend und überzeugend. Es wirkt ein wenig wie ein Update seines Independent-Erfolges Silvester Countdown, wenn ein verzweifeltes Paar in einer durchgestylten, weitgehend leeren Neubauwohnung aufeinander losgeht, wobei die bittere Konsequenz, mit der Roehler seinen Figuren folgt, eher an die Skandinavier von Ibsen über Bergmann bis Trier erinnert.

Doch Roehler ist expliziter und unerbittlicher, damit vielleicht auch deutscher, und letzteres zur Abwechslung nicht als Schimpfwort. Und zugleich traut er sich auch, in die andere Richtung ins Extrem zu gehen, und zeigt Bilder vom Glück, wie sie hierzulande selten zu sehen sind. »Friede, Freude, Eierkuchen«, schimpfte ein älterer Herr hinter mir nach der Berlinale-Premiere, und er brachte damit auf den Punkt, wo das Problem des deutschen Films liegt. Keiner traut sich, aus dem Mittelmaß auszubrechen. Wer es doch tut und es wagt, auf der Leinwand zu träumen, wird als Eierkuchen denunziert, wer hingegen furchtlos in finstere Abgründe springt, wird mit naserümpfendem Mißfallen bedacht.

Allein der Musikeinsatz wäre eine Hymne wert, ebenso Herbert Knaups unglaublicher Auftritt als bärtiger Bühnenguru. Roehler erzählt seine Geschichte mit Hingabe und läßt es nicht dabei bewenden, sondern erschafft zugleich einen visuellen, musikalischen, eleganten Film, ein Stück großes Kino. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #30.
© 2012, Schnitt Online

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