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Als das Meer verschwand

In My Father's Den. NZ 2004. R,B: Brad McGann. K: Stuart Dryburgh. S: Chris Plummer. M: Simon Boswell. P: T.H.E. Film. D: Emily Barclay, Matthew MacFayden, Miranda Otto, Colin Moy u.a.
128 Min. Capelight ab 30.11.06

Aus nächster Nähe

Von Tamar Noort Auf dem Bett seines toten Vaters liegend, müde vom Aussortieren eines vergangenen Lebens, findet Paul einen Atlas, aus dem ihm mehrere Zeitungsschnipsel entgegenrieseln. Allesamt Artikel, die ein stolzer Vater ausgeschnitten hat. Berichte über seinen Sohn, der vor langer Zeit der neuseeländischen Kleinstadt den Rücken kehrte und als Kriegsfotograph Karriere machte.

Pauls Augen sind sein wichtigstes Instrument; er hat das Sehen zum Beruf gemacht. Mit dem Finger kann er im Atlas die Länder nachzeichnen, in denen er der Welt seine Augen lieh, um Grausamkeit und Elend publik zu machen. Ein Fleck auf der Landkarte blieb jedoch all die langen Jahre blind: Seine Heimatstadt hat Paul aus seinem Blickfeld gebannt. Er hat seinen Blick konsequent in die Ferne gerichtet. Der Tod des Vaters bringt Paul zurück und zwingt ihn, sich seine Heimat anzusehen – aus nächster Nähe. Paul kann nicht länger ausblenden, wovor er die Augen verschlossen hat.

Ein Kriegsfotograph muß sich Situationen aussetzen, die ihn vom Unbeteiligten zum Beteiligten machen; er springt hinein in Auseinandersetzungen, die in der Regel nicht die seinen sind. Anhand der schützenden Distanz, die die Linse gewährt, bewahrt der Kriegsfotograph die Kontrolle über die Situation. Doch in diesem Fall, ohne Kamera, ist Paul machtlos gegen die Bilder, die auf ihn zustürzen. Bilder aus der Vergangenheit brechen unkontrolliert über ihn herein. Paul ist dazu verurteilt, genau hinzusehen. Es ist als Fotograph seine Aufgabe, aber als privater Mensch seine Bürde, sich den Bildern seines Lebens stellen zu müssen.

Der Film setzt dieses Konzept formal konsequent um: Der Zuschauer ist den visuellen Eindrücken ebenso ausgeliefert wie Paul. Bruchstückhaft bahnen sich Bilder einen Weg in Pauls Bewußtsein und auf die Leinwand. Pauls Erinnerungsbilder verstreuen sich über den Film, wie Erinnerungen das eben so tun: Sie haften an Gegenständen, werden von Sätzen ausgelöst, die gesprochen werden, oder legen sich um Musik, die gespielt wird. Im Ort ist Paul ein vertrauter Fremder; einzig die 16jährige Celia, mit der sich Paul anfreundet, scheint ihn so zu sehen, wie er sich selber sehen kann. Doch sie verschwindet eines Tages. So entspinnt sich langsam eine ganz andere Geschichte: Paul wird verdächtigt, mit Celias Verschwinden zu tun zu haben. Aus dem Familiendrama wird unversehens ein Thriller. Seine Spannung bezieht der Film weniger aus den Handlungen der Figuren denn aus ihrer psychischen Konstellation. Dem unergründlichen Paul ist Vieles zuzutrauen; dennoch verliert er die Gunst des Zuschauers nie. Vielmehr begleitet der Zuschauer ihn behutsam dabei, die Augen zu öffnen für die Geschehnisse, die ihn vor Jahren dazu brachten, die Heimat zu verlassen – und die mit der Gegenwart eng verknotet zu sein scheinen.

Brad McGann hat einen Film gemacht, der Vieles gleichzeitig sein will – und alle Erwartungen erfüllt, gar übertrifft. Kunstvoll sind die verschiedenen Elemente der Geschichte miteinander verwoben, detailreich die einzelnen Charaktere ausgearbeitet, poetisch verschiedene Zeitebenen verknüpft. Und, wie könnte es anders sein in einem Film, der vom Sehen handelt: die Bilder, vor neuseeländischer Kulisse, die sind atemberaubend. 1970-01-01 01:00

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