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Almost Heaven

D 2005. R,B: Ed Herzog. B: Paul Herzog. K: Sebastian Edschmid. S: Uta Schmidt. M: Bill Frisell, Charlie Gillett. P: Egoli Tossell. D: Heike Makatsch, Nikki Amuka-Bird, Wotan Wilke Möhring u.a. timebandits
102 Min. ab 25.8.05

Riddim is it

Von Birgit Joest Am falschen Ort zur falschen Zeit und das auch noch im komplett falschen Outfit – ein Alptraum wird für Helen wahr, als sie im gleißenden Sonnenlicht das Flugzeug aus Deutschland verläßt. Im Cowgirl-Look mit Gitarrenkoffer durch Kingston Town, Jamaica, stapfen und sich von semiprofessionellen Touristenneppern abziehen lassen: Cool ist was anderes. Und das alles nur, weil sich die Rheinländerin in der Tat einen Traum erfüllen wollte. Nur der eine Auftritt im berühmten Bluebird-Café in Nashville, Tennessee, der Country-Institution schlechthin, sollte es sein. Sie ist eingeladen. Heimlich und gegen den Willen ihres Mannes Carlo macht sie sich auf die Reise. Durch eine Verwechslung landet Helen jedoch nicht auf amerikanischem Mutterboden, sondern in der Heimat von Roots Reggae, Dance Hall und einem Ort eher entspannter Arbeits- und Freizeitauffassung. Dabei ist Zeit leider das letzte, was Helen hat.

Mit Cowgirl Helen macht sich Rosie (überzeugend: Nikki Amuka-Bird), verhinderte Dancehall-Queen und Kleinkriminelle mit wenig Aussicht auf Besseres, auf zur anderen Seite der Insel, womit sich der Musik-Film ins Fahrwasser der Buddy- oder auch Road-Movies begibt mit entsprechenden Hindernissen, Umwegen und skurrilen Begegnungen unterwegs zum Flughafen von Montego Bay, eigentlich aber zum Selbst. Unterwegs findet allenthalben ein Kampf der Kulturen statt, sei es zwischen der abgeklärten, bisweilen skrupellosen Rosie und Helen, die sich auf nichts anderes als Nashville einzulassen gedenkt, oder aber arroganten Hotelmanagern und einheimischen Musikern, die allabendlich vor gelangweilten britischen Urlaubern aufspielen. Verklärt wird das Leben auf der Insel wahrhaftig nicht, bis auf das scheinbar unvermeidliche süßliche Happy End.

Ja, all das ist konstruiert und ja, der Film lebt angesichts der Schwächen im Drehbuch natürlich in erster Linie vom scheinbar unvereinbaren Gegensatz der Musikkulturen, dem Pathos des Country und den Rastaman Vibrations, also von Schauplatz und Soundtrack, und das, obwohl Heike Makatsch es sich einmal mehr nicht nehmen läßt, den Gesang selbst zu übernehmen. Etwas uninspiriert fällt leider die Kameraarbeit von Sebastian Edschmid aus; eine ambitioniert gestaltete Traumsequenz in der Kernspin-Röhre weckt eingangs Erwartungen, die im folgenden nicht eingelöst werden.

Aber dennoch ist Ed Herzogs Sommerfilm sympathisch. Einmal ihrem heimischen Biotop, der Bowlingbahn ihres Mannes, entflohen, wirkt Helen im peinlichen Dolly Parton-Dress mit Cowboyhut und -stiefeln, Bluse und Bluejeans neben ihrem jamaikanischen Gegenpart Rosie schlicht derart deplatziert, daß es eine Freude ist zu sehen, wie der Blick auf das »Andere« verkehrt wird; ein Blick, der so alt ist wie das Kino selbst. Nicht die Karibik-Insel oder ihre Bewohner werden exotisiert, sondern die freiwilligen und unfreiwilligen Touristen selbst. Denn bekanntlich ist in der Fremde nichts exotischer als der Fremde selbst.
1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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