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Alles ist erleuchtet

Everything is Illuminated. USA 2005. R,B: Liev Schreiber. K: Matthew Libatique. S: Andrew Marcus, Craig McKay. M: Paul Cantelon. P: Big Beach. D: Elijah Wood, Eugene Hutz, Boris Leskin u.a.
106 Min. Warner ab 15.12.05

American Kusturica

Von Kyra Scheurer Auch wenn Schauspieler Liev Schreiber hier ein äußerst ambitioniertes Regiedebüt in Angriff genommen hat, auch wenn er sich die Rechte am Stoff schon auf Basis einer Kurzgeschichte und seiner eigenen verwandten Biographie gesichert und selbst das Drehbuch geschrieben hat: Alles ist erleuchtet wird in erster Linie der Film zum Buch sein, auch wenn mit Elijah »Frodo« Wood ein Star stoisch durch den Plot tapst. Der Roman lebt sehr von seiner Sprache und Struktur, weswegen er oft fälschlich als unverfilmbar gehandelt wurde – das sagt man gerne über Bestseller, dann kaufen mehr Leute eine Kinokarte zwecks Verifizierung der These, und nachher kann sich keiner beschweren, schließlich war die Aufgabe für Regisseur und Drehbuchautor »fast unlösbar«. Dementsprechend wird man die kultischen Verehrer des Erfolgsromans Alles ist erleuchtet von Jonathan Safran Foer am Kneipentisch in Kinonähe belauschen können: »Dieser Verzicht auf zwei der drei Erzählebenen – absolut inakzeptabel.« »Nein, im Gegenteil – das war wahrscheinlich die einzige Chance für die filmische Version«.

Um hier gleich Stellung zu beziehen: dramaturgisch ist die Adaption eine runde Sache, für die Drehbuchneuling Schreiber Respekt gebührt. So legitim Verdichtungen und Verkürzungen sind – wichtig ist, der Seele eines Werks bei dem Transfer in ein anderes Medium gerecht zu werden. Seele hat dieser folkloristische Trip in Celluloid nun aber bei allem Amüsement sehr wenig: Es gibt satte Farben, skurrile Reihungen, sentimentale Großaufnahmen, erfreulich wenig Dialog, einige sinnvolle neue Einfälle zum Originalstoff, schlecht versteckte pädagogische Zeigefinger, zu laute Musik, zu große Sonnenblumenfelder, eine Liebe zum Detail, die gefällt, und ganz viel Botschaft und pseudo-philosophischer Überbau zum Thema Erinnern – aber Seele konnte nicht beobachtet werden, allenfalls wurde überambitioniert Volksseele suggeriert. Also fällt der Film zugunsten des Romans durch? Nein, denn wer genau hinliest, erkennt auch im Bestseller schon ein Stück amerikanischer Literatur, das von sehr viel Wollen, einigem Schreibtalent und den besten Creative Writing-Weisheiten geprägt ist, echte Tiefe aber vermissen läßt. Wer wollte da Liev Schreiber vorwerfen, daß sein Drehbuch ebenfalls nach Regeln »gebaut« ist, die mit greller Kusturica-Romantik nur oberflächlich verdeckt werden?

Was nach dem Film bleibt, unabhängig von der übermächtigen Romanvorlage: eine harmlose, in Teilen ärgerliche US-Indie-Nettigkeit, die Erkenntnis, daß Elijah Wood sogar von einem Hund locker an die Wand gespielt wird, und nach Sideways ein weiterer Beweis dafür, daß Amerikaner nicht versuchen sollten, europäische Filme zu machen. Oder, um es im Jargon des Helden zu sagen: Der Film will übereindrucken, ich war unterwältigt. 1970-01-01 01:00
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