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Alle sagen: I love you

Everyone says I love you. USA 1996. R,B: Woody Allen. K: Carlo DiPalma. S: Susan E. Morse. M: Dick Hyman. D: Goldie Hawn, Alan Alda, Woody Allen, Drew Barrymore, Edward Norton, Tim Roth, Julia Roberts, Natalie Portman, Lukas Haas u.a.
90 Min. Kinowelt ab 14.8.97
Von Benjamin Heßler Obwohl Mia Farrow in ihrer leicht psychotischen Schmutzwäsche-Autobiographie nicht ein einziges gutes Haar an ihm läßt, ist Woody Allen offenbar bester Laune: Seit der Trennung von der Adoptiv-Übermutter hat er drei der komödiantischsten Filme seines bisherigen Lebenswerks vorgelegt. Der vierte Post-Farrow-Film setzt noch eins drauf – seine Figuren fangen an zu singen, sobald es gilt, sich zu verlieben, zu heiraten, sich zu trennen oder das Leben einfach gut bzw. schlecht zu finden.

Natürlich ist Everyone says I love you kein Musical der zuckrigen Plüsch-Melodien und der chemisch gereinigten Bilder à la Lloyd Webber oder Walt Disney. Woody bleibt Allen, auch wenn er singt. Niemand in dem illustren Ensemble hat eine stimmliche Ausbildung genossen; die Gesangseinlagen bewahren sich somit eine charmante Unprofessionalität, die sie um Dimensionen lebendiger und genießbarer als die sterile Akkuratesse einer Evita machen. Fast jeder Song ist ein Höhepunkt, besonders erwähnt sei hier nur die niedliche kleine Version von »I'm thru with love«, die der Meister selbst beisteuert. Damit verkündet er krächzend das sanft melancholische Motto, das regelmäßig im Film auftaucht, um stehenden Fußes wieder über Bord geworfen zu werden.

Inhaltlich hat sich nicht viel verändert in Woodys Welten: New Yorker upper class-Familie redet und gerät durcheinander. Goldie Hawn spielt Allen-Veteran Alan Aldas Ehe- und Woodys Ex-Frau, in deren mondän beheimateter Restfamilie sich die unzähligen Verstrickungen ergeben, die der Film – durch einen Off-Kommentar locker verbunden – aneinanderreiht. Skylar (Drew Barrymore) ist mit Holden (Edward Norton) verlobt, verfällt aber dem rauhen Charme von Ex-Knacki Charles Ferry (herrlich selbstironischer tough guy: Tim Roth).

Woody Allen selbst ist der im Pariser Exil lebende und selbstredend dauernd unglücklich verliebte Schriftsteller Joe Berlin, der mit Hilfe eines aus Eine andere Frau entlehnten Tricks versucht, die schöne Vonny (Julia Roberts) für sich zu gewinnen. Djuna hingegen, Joes Tochter und Erzählerin des Films, hat ganz andere Probleme: sie sagt I love you zu so gut wie everyone.

Das Resultat ist eine reife, perfekt ausgewogene Mischung aus kontrollierter Sentimentalität und reinster, manchmal überschäumender Komödie. Wenn Goldie Hawn in der wunderschönen Schlußszene über das Seine-Ufer schwebt, stellt sich beim Zuschauer das halb schwer-, halb übermütige Gefühl ein, das man vielleicht als Glückzeligkeit bezeichnen könnte. Nur Woody Allen kann es hervorrufen. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #07.
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