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Alle Kinder dieser Welt

All the Invisible Children. I 2005. R: Mehdi Charef, Emir Kusturica, Spike Lee, Kátia Lund, Jordan Scott, Ridley Scott, Stefano Veneruso, John Woo. B: Diego De Silva u.a. K: Vittorio Storaro, Jim Whitaker, Nianping Zeng u.a. S: Robert A. Ferretti, Dayn Williams u.a. M: Ramin Djawadi u.a. P: MK, Rai Cinemafiction. D: Francisco Anawake, Maria Grazia Cucinotta, Vera Fernandez, Wenli Jiang u.a.
116 Min. Concorde ab 13.4.06

Ein Herz für Kinder

Von Tamara Danicic Kurz bevor der vielleicht gerade mal zehnjährige Kindersoldat aus Burkina Faso in einem Feuergefecht fällt, gesteht er seinen nicht viel älteren Kameraden: »Heute habe ich Angst gehabt.« Für das kleine chinesische Waisenmädchen Little Cat wird eine beschädigte Porzellanpuppe zum einzigen Halt im Leben; nur der Puppe kann sie ihre Ängste und Träume anvertrauen. Hunger, Armut, Elend, Krieg sind ganz furchtbar, keine Frage. Und daß Kinder deren schwächste und wehrloseste Opfer sind, wird auch niemand ernsthaft bestreiten wollen. Allzu leicht werden sie an den Rand des gesellschaftlichen Abgrundes abgedrängt. Ebensowenig läßt sich etwas gegen das ehrbare Vorhaben sagen, solchen »unsichtbaren« Kindern, die Bürgerkriegen, AIDS oder finanziellen Nöten schutzlos ausgeliefert sind, Stimme und Gesicht zu verleihen. So ist die italienische Produzentin Chiara Tilesi zweifelsohne mit den allerbesten Absichten angetreten, das von UNICEF und dem UNO-Welternährungsprogramm (WFP) geförderte Omnibus-Projekt All the Invisible Children zu realisieren. Und genau über all diese guten Absichten strauchelt Tilesis Kompilation. Acht größtenteils namhafte Regisseure – Mehdi Charef, Emir Kusturica, Spike Lee, Kátia Lund, Jordan und Ridley Scott, Stefano Veneruso und John Woo – wurden vor die Aufgabe gestellt, jeweils einen Kurzfilm über die Notlage von Kindern in ihrem Heimatland zu drehen. Künstlerisch ließ man ihnen eine lange Leine. Und so zeugen die einzelnen Werke zumindest teilweise von den filmischen Galaxien ihrer Macher: Kusturica greift einmal mehr auf seinen mittlerweile arg strapazierten Balkan-Zigeuner-Klamauk zurück, während sich in »Bilu e João« von Kátia Lund (der Koregisseurin von City of God) die Kamera behände durch die Favelas von São Paulo bewegt. Allein der algerisch-französische Regisseur Mehdi Charef hat sich mit seiner Episode »Tanza« in ein vorsätzlich unkenntlich gemachtes Burkina Faso begeben (das so offenbar zum Platzhalter für ganz Afrika gemacht wird), wo das Dorf wie eine Studiokulisse aussieht und die Kindersoldaten sich in einem grauenhaft holprigen Englisch miteinander unterhalten.

Doch so unterschiedlich die Herangehensweisen auch sein mögen, so sehr eint sie doch der alles dominierende Wille, Bewußtsein zu schaffen und anzuprangern. Das Leiden der Kinder wird vor lauter Behauptung nur in kurzen, flüchtigen Momenten spürbar. Alles ist hier eine ganze Spur zu vorhersehbar, zu groß, zu deutlich. Die zerlumpten Kleider und das verschmierte Gesicht von Little Cat (bei John Woo) ebenso wie die zitternde Hand des Kriegsfotographen, dem sich die erlebten Gräueltaten auf die Netzhaut gebrannt zu haben scheinen. Man hat als Zuschauer fast schon keine andere Wahl als die Aussage »richtig« zu verstehen.

Am ehesten kann und will man sich noch auf Spike Lees »Jesus Children of America« einlassen, in der es um Blanca, einen schwarzen Teenager aus Brooklyn, und ihre Auseinandersetzung mit dem HI-Virus geht, den ihre drogenabhängigen, arbeitslosen Eltern ihr weitergegeben haben. Zwar ist auch hier das Blut auf Blancas Stirn (das einer kleinen Wunde entstammt, die sie sich bei einer Rauferei zugezogen hat) unübersehbar leuchtend rot, doch kommt die Episode insgesamt angenehm wirklichkeitsnah daher und verzichtet auf jeglichen klebrigen Sentimentalitätszucker. Dadurch gelingt Spike Lee etwas, was bei den meisten der anderen Episoden ausbleibt: nämlich das emotionale Nachhallen der Bilder sowie das Gefühl, daß die fiktionale Geschichte tatsächlich mit einer in Schieflage geratenen gesellschaftlichen und politischen Realität zu tun hat. Allerdings sei hier dahingestellt, ob solch ein Gefühl tatsächlich ausreicht, um den Zuschauer zu irgendeiner Form von echtem Engagement, das über einen Gewissensberuhigungs-Scheck hinausgeht, zu bewegen, oder ob er sich nach zweistündigem Mitleiden nicht einfach mit einem guten Gefühl aus der Verantwortung stiehlt. 1970-01-01 01:00

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