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Alice & Martin

F 1998. R,B: André Téchiné. B: Gilles Taurand, Olivier Assayas. K: Caroline Champetier. M: Philippe Sarde. D: Juliette Binoche, Alexis Loret, Carmen Maura, Mathieu Amalric u.a.
103 Min. Concorde ab 21.1.99
Von Thilo Wydra Sie, 30, ist in Paris zu Hause, in einer kleinen, lauten, beinahe schäbigen Wohnung, durch die im 10-Minuten-Takt die Züge rauschen, und sie übt dabei auf ihrer Violine. Er, 20, hat kein Zuhause mehr, ist ausgebrochen aus dem Provinzmief des stiefelterlichen Hauses, rennt tagelang durch die Landschaften, stiehlt Eier auf Bauernhöfen und frißt sie roh, bis er eines Tages vor ihrer Tür steht und anklopft, als sie gerade probt: So treffen sich Alice & Martin.

Bis Regisseur André Téchiné seine beiden Hauptdarsteller Juliette Binoche und Alexis Loret erstmals aufeinandertreffen läßt, vergeht eine allzu gestreckte Exposition, die in ihrer Langatmigkeit den Film letztlich um seinen Spannungsbogen bringt. Das hätte nicht so sein müssen. Zumal die komplexe Geschichte in diversen Rückblenden aufgerollt wird und sich somit ganz von selbst erklärt. Doch Téchiné beraubt seinen Film um Vieles, und er scheint es noch nicht einmal zu merken. Hätte er nicht La Binoche, man könnte Alice & Martin nahezu vergessen. So wird das mitunter arg verworrene Drehbuch durch die Interpretation Juliette Binoches über dramaturgische Durststrecken hinweggetragen, bemüht sie sich, die partiell sehr hölzernen Dialoge mit Leben zu füllen. Zwischen Alice und Martin keimt Passion auf, ganz langsam, zunächst voller Widerwillen. Und mehr und mehr verfällt die Violinistin dem Fremden. Doch die Vergangenheit holt Martin ein, und als Alice ihm schließlich eröffnet, daß sie schwanger ist, fällt er in ein psychisches Koma. Plötzlich liegen Geburt und Tod ganz dicht beieinander. Und Alice kümmert sich um ihre Liebe, opfert sich auf, indem sie Martins Spuren zurückverfolgt, bis sie seiner Stiefmutter gegenübersteht.

Das Schönste an Téchinés neuem Film sind die bezaubernden Porträtaufnahmen, die Kamerafrau Caroline Champetier von einer äußerst fragilen Juliette Binoche einfängt. In diesen Close-ups offenbart sich die ganze Geschichte, die Téchiné hier oftmals allzu verkopft inszeniert, es sind Naheinstellungen, in denen die Binoche mit einer minimalistischen Mimik äußere Bewegungsabläufe reflektiert, in denen ihre Gedankenwelt sichtbar wird. Zum zweiten Mal stand sie hier übrigens vor Téchinés Kamera: 1985 spielte sie in Rendez-Vous. So fallen die Dinge immer wieder auf einen zurück… 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #13.
© 2012, Schnitt Online

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