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Ali Zaoua – Auf den Straßen von Casablanca

MAR/F/B 2000. R,B: Nabil Ayouch. B: Nathalie Saugeon. K: Vincent Mathias. S: Jean-Robert Thomann. P: Playtime. M: Krishna Levy. D: Mounïm Kbab, Mustapha Hansali, Hicham Moussoune, Abdelhak Zhayra u.a.
100 Min. Arsenal ab 14.03.02

Träume des Elends

Von Mark Stöhr Straßenkinder sind seit einigen Jahren schwer in Mode. Prozessionen elendshungriger Fernsehteams auf der Suche nach dem Quotengrusel tummeln sich in den Katakomben der großen Metropolen und bestaunen den aktuellen Stand der Leimanästhesie. Den Kindern und Jugendlichen beschert das ein dreistniedriges Taschengeld und einen fragwürdigen »King for a day«-Auftritt, uns die nötige Portion voyeuristischer Empörung.

Bald ziehen die Bilderkolonialisten weiter – es sind noch viele Trophäen zu sammeln auf dem weiten Feld der Elendsfotographie. Es gibt aber auch Gegenentwürfe, die differenzierte Einblicke in die soziale Situation von Straßenkindern liefern. Jüngst beispielsweise Monika Treuts Kriegerin des Lichts, eine Dokumentation über die Arbeit der Menschenrechtlerin Yvonne Bezerra de Mello auf den Straßen Rio de Janeros, oder vor allem der im vergangen Jahr mit dem Oscar ausgezeichnete Kurzfilm Quiero Ser von Florian Gallenberger, der die Geschichte zweier obdachloser Brüder in Mexiko City erzählt.

An dessen realistische wie emotionale Erzählhaltung fühlt man sich auch erinnert beim Betrachten von Ali Zaoua, dem zweiten Langfilm des marokkanisch-französischen Regisseurs Nabil Ayouch. Getreu Godards Diktum über die Fiktion, die genauso real wie das Dokument sei und ein anderer Moment von Realität, versagt sich Ayouch letztlich nicht einlösbare Authentizitätsversprechen und markiert die vorgefundene Wirklichkeit offen als Stoff für seine filmischen Imaginationen. Herausgekommen ist dabei eine Art von dokumentarischem Märchen über vier zwölfjährige Jungen, die im Hafen von Casablanca leben. Einer von ihnen träumt davon, wegzugehen und als Matrose zur »Insel mit den zwei Sonnen« zu fahren, als er aber bei Auseinandersetzungen mit einer rivalisierenden Straßenbande umkommt, setzen die beiden Zurückgebliebenen alles daran, ihm ein würdiges Begräbnis zu verschaffen.

Über zwei Jahre lang war Nabil Ayouch mit den Mitarbeitern des Resozialisierungsprojekts »Bayti Association« auf den Straßen Casablancas unterwegs und entwickelte zusammen mit ihnen und den von ihnen betreuten Kindern den Film. Er benutzt die Ängste und Träume seiner Protagonisten, die immer Träume von Normalität, einem Zuhause, einem »Sansibar« sind, nicht als Lack eines ihnen ansonsten fremden Storyboards, sondern begegnet ihnen mit Respekt und akzeptiert sie als ebenbürtige Partner einer gemeinsamen Sache. Der märchenhafte Zauber, der über dem Film liegt, behauptet keine diffuse Romantik des Elends und unterstreicht stattdessen die Würde der Kinder und ihren trotz aller Anfechtungen ungebrochen Willen, einen Neubeginn zu versuchen. Vielleicht ist der ja in dem einen oder anderen Fall mit Ali Zaoua gelungen, und man sieht Mounïm Kbab, Mustapha Hansali , Hicham Moussoune und Abdelhak Zhayra in Zukunft noch einmal auf anderen Leinwänden – verdient hätten es alle vier und das Talent dazu auch. 1970-01-01 01:00
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