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Alfie

USA 2004. R,B,P: Charles Shyer. B: Elaine Pope. K: Ashley Rowe. S: Padraic McKinley. M: Mick Jagger, Dave Stewart, John Powell. P: Patalex Prods. D: Jude Law, Marisa Tomei, Omar Epps, Nia Long u.a.
105 Min. UIP ab 10.3.05

Hippe Schale, leerer Kern

Von Jutta Klocke Parallel zum wahren Leben altern auch die Filmhelden – war das Kino der 90er noch von der Generation X beherrscht, so sind deren Protagonisten mitgewachsen und nun, im folgenden Jahrzehnt, in den Dreißigern angelangt. Ethan Hawke und Julie Delpy treffen sich nach Before Sunrise nun noch einmal in Before Sunset, aber die Dinge scheinen nicht wirklich unkomplizierter geworden zu sein. Wie einst die Jüngeren in Singles und Reality Bites stolpern auch die Thirtysomethings, angeführt von Nick Hornbys fürs Kino entdeckten Junggesellen, noch durch unzählige Gefühls- und Sex-Eskapaden, die aber letztendlich auch nicht die ersehnte Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Ganzen bringen. Wie könnten sie auch?

Über all diesen nach neuen Werten und Zielen suchenden Mittdreißigern schwebt die frustrierende Erkenntnis, daß der Mensch nun mal keine Insel ist, sich aber oft genug so vorkommt und eben auch so benimmt. Die Ratlosen unter ihnen drängen sich als Identifikationsfiguren geradezu auf, fühlt man sich doch als Zuschauer so unglaublich verstanden und gemeint. Die Egoisten, die das Sinnvakuum hinnehmen und für sich nutzen, werden wie Hugh Grant in About a Boy geläutert und erlangen damit ihren zuvor vermißten Sympathiewert. Was aber, wenn der Filmheld nicht bloß bis zum Ende unsympathisch bleibt, sondern auch und vor allem langweilig – wie der »moderne« Alfie?

Jude Law schlüpfte für die Neuverfilmung des gleichnamigen Originals in die Fußstapfen Michael Caines, der 1966 noch als ebenso zynischer wie leichtfüßiger Egomane durch London schlenderte. Alfies auf Frauen und vordergründiges Vergnügen reduziertes Interesse blieb der Figur auch nach der Verlegung des Schauplatzes ins zeitgenössische New York erhalten. Das unbeschwerte Leben, das allein um das im Zentrum stehende Ich kreist, gerät ins Wanken, sobald der Playboy durch Krankheit, ungewollte Vaterschaft und Zurückweisung einer Frau zu einer Reaktion auf sein eigenes Handeln gezwungen wird. Auch hier also steht am Ende die Läuterung des Unsympathen.

Leider nur interessiert man sich zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr für die Figur. Denn was von den Drehbuchautoren als vermeintlicher Clou gedacht ist, verfehlt im Ergebnis gänzlich die Wirkung. Wie im Original spricht Alfie auch hier den Zuschauer direkt an, den Blick geradewegs auf die Kamera gerichtet. Das Enttäuschendste dabei ist nicht einmal, daß die Wirkung eines solchen Effekts inzwischen nicht mehr gerade schockierend neuartig ist. Schlimmer ist vielmehr, daß Jude Law, der doch für die Rolle an sich wie geschaffen erscheint, bloß leere Worthülsen in den Mund gelegt wurden. Das hippe Geschwafel bringt weder den Inhalt voran noch uns das Innere der Figur näher. Zum reinen Selbstzweck eingesetzt, wirkt es aber auch noch nicht mal – wie vermutlich beabsichtigt – wirklich komisch und bleibt mit dem Eindruck des Bemüht-Konstruierten behaftet.

Das gilt leider auch für die Inszenierung. Regisseur Charles Shyer wartet visuell und akustisch mit mindestens ebenso viel Chic auf wie sein modefixierter Protagonist. Verwaschene Großstadtimpressionen, dynamisch, aber motivationslos durch Jump Cuts aneinandergereiht, ergeben einen netten Videoclip- oder Werbespot-Look. Ohne inhaltlichen Mehrwert verkommt der aber zu der gleichen Oberflächlichkeit, die auch dem Helden eigen ist. Irgendwie erinnert der Film ständig an jene Spots, die für das ebenfalls recht sinnfrei anmutende Motto »Dein Duft, deine Regeln« werben, aber wer mag die schon in einer Dauerschleife von 105 Minuten durchhalten? 1970-01-01 01:00
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