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alaska.de

D 2000. R,B: Esther Gronenborn. K: Jan Fehse. S: Christian Lonk. P: Bioskop, Kinowelt u.a. D: Jana Pallaske, Frank Droese, Toni Blume u.a.
89 Min. Arthaus ab 25.1.01
Von Natascha Kramer Fensterputzen ist gar nicht so einfach und will gelernt sein. Eddie, der tatsächlich ein Fensterputzpraktikum macht, erklärt seiner Clique beim nachmittäglichen Joint, wie man die Scheiben mit kreisenden Bewegungen von oben nach unten bearbeitet.

Filmemachen ist auch gar nicht so einfach. Und gelernt hat Esther Gronenborn bislang ausschließlich als Regisseurin von Videoclips. So erinnert uns ihr Debüt alaska.de an ein langes, gigantisches Musikvideo mit Motto, welches da lautet: vernachlässigte Kinder in Plattenbausiedlungen. Sabine zieht zu ihrem Vater; neue Stadt, neue Schule, neue Clique. Gleich zu Beginn wird sie unfreiwillig Mitwisserin eines Totschlags, der die Strukturen in der trotz Popularität von Hundekampf und Drogenkonsum doch noch recht idyllischen Vorstadtgang durcheinanderwirbelt. Sabine, die Neue, ist ängstlich und schweigt. Sie öffnet sich nicht einmal Eddie, der ihr Freund wird.

Dabei wollte Esther Gronenborn mit ihrer Sozialstudie so viel: eine authentische Darstellung der Lebenssituation, Verständnis dafür wecken, daß »die Jugendlichen eigentlich keine Totschläger sind, es passiert ihnen einfach.« Um ihr ehrgeiziges Projekt zu realisieren, castete sie auch keine Profikids, sondern holte sich die Darsteller aus zwei echten Berliner Jugendgangs, schrieb das Drehbuch teilweise auf sie um, inszenierte Dialoge – bis auf die Schlüsselszenen – spontan. Im krassen Gegensatz dazu steht dann aber die starre Ästhetik und Architektur der Bilder. Keine Einstellung, kein Blick ist dem Zufall überlassen, klare Linien lenken von der Handlung eher ab, als daß sie sie unterstützen. Die Bildstruktur ist so deutlich durchdacht, daß es aufdringlich wirkt. Wir bestaunen die Technik und achten nicht mehr auf die Geschichte. Auffällig ist leider auch die Musik des Films: Sie nervt. Tanzen Jugendliche heute in der Disco wirklich noch auf Ska-Musik? Hat die Autorin dieser Zeilen vielleicht nur einen Trend verpaßt? Oder hat Esther Gronenborn doch ihre eigene Jugend filmisch aufgearbeitet und ist nostalgisch-musikalisch ins Schwärmen geraten?

Und wenn wir uns daran erinnern, daß die Regisseurin einst Bands in Szene setzte, müssen wir ihr zugestehen: Dort hat sie etwas gelernt. Doch mit ihrem Filmanliegen korrespondiert das leider nicht. Vielleicht sollte sie sich ihren nächsten Filmen erst einmal mit langsamen, kreisenden Bewegungen nähern – wie beim Fensterputzen eben. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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