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Agnes und seine Brüder

D 2004. R,B: Oskar Roehler. K: Carl-Friedrich Koschnick. S: Simone Hofmann. M: Martin Todsharow. P: X Filme. D: Martin Weiß, Moritz Bleibtreu, Herbert Knaup, Katja Riemann u.a.
115 Min. X Verleih ab 14.10.04

Armes Deutschland

Von Daniel Bickermann Satire ist ein schwieriges Genre. Wo verlaufen die Grenzen zwischen Zurschaustellung einer lächerlichen Figur und verächtlichem Spott für menschliche Schwächen? Oskar Roehlers neuer Film, angeblich eine Familien- und Gesellschaftssatire, scheint unbedingt in die zweite Kategorie drängen zu wollen. Es genügt ihm nicht, die Figuren bloßzustellen und zu verhöhnen, jede Nuancen ihres Intimlebens muß mit dem Holzhammer kleingehauen und für mißratene Witze mißbraucht werden. Mitleid hat man mit diesen Charakteren ob der emotionalen Kreuzigung durch den Regisseur dann allerdings auch nicht, schließlich werden alle als unglaubwürdige Kunstfiguren in einer irrealen, grundbösen Welt vorgestellt. Erstaunt vernimmt man, der Regisseur habe ein Porträt des aktuellen Deutschland abliefern wollen.

Roehlers Film fliegt von Anfang an thematisch und stilistisch auseinander, der Zuschauer bekommt wahllose Injektionen von brutaler Häme und scheinbar ernstgemeinter Dramatik, Potenz- und Exkrementwitzen, Sodomie, Siechtum und Inzest verabreicht. Der Tonfall schwankt wild herum zwischen mißlungenem Realismus (wie dem pseudo-entlarvenden Alltag eines Spitzenpolitiker) und surrealen Traumsequenzen (wie der Bibliothek voller Pornofiguren), die dann aber wieder die ernsthaften Konflikte begründen sollen. Zwischendrin begeht eine Hauptfigur mal einen Mord, der aber nie wieder thematisiert, problematisiert oder auch nur erwähnt wird, und am Ende singen die Turtles ihr sonniges »Happy Together«. Was lief denn da alles schief? Wie läßt sich dieses heillose Durcheinander nur erklären? Am wenigsten kann das wohl Roehler selbst erklären, dem für dieses wirr zusammengepuzzelte Epsiodendrama eindeutig die klare Stilabsicht fehlte. Der Film wird als Satire oder gar Komödie vermarktet, findet aber statt Lacher nur angeekeltes Unverständnis. Da hat jemand Todd Solondz' Happiness gesehen und einfach nicht verstanden. Die melodramatischen Handlungsstränge werden derweil durch ein eklatant schlechtes Drehbuch (fehlende Motivationen ahoy!), ungenügende Schauspielleistungen und den ständig gegengeschnittenen Fäkalhumor sabotiert. Agnes und seine Brüder findet zu keinem Zeitpunkt so etwas wie eine funktionale Struktur, die Verschränkung der Handlungsfäden mit ihren unterschiedlichen Tonfällen und Stilisierungsgraden bleibt schlicht unverdaulich. Auch innerhalb der einzelnen Stränge kommt Psychologie gar nicht erst auf, statt dessen herrscht blinde Konfrontation, und die ist leider nicht sonderlich lustig und schon gar nicht gesellschaftlich relevant.

Was sollen die Schauspieler machen, wenn schon im Ansatz so viel danebengeht? Sie sind in diesem Film nicht zu beneiden, verfügen aber leider auch nicht über die Mittel, wenigstens einzelne Szenen zu retten. Bleibtreu ist sichtlich verwirrt, zieht sich aber glimpflich aus der Affäre; Riemann verweigert angesichts der ihr unbegründet zugemuteten Fick- und Versöhnungsszenen schlicht die Arbeit; Knaup wurde grauenhaft hinfrisiert, er wirkt hilflos und überdreht zum Davonlaufen; und Martin Weiß schließlich wirkt als Titelfigur keine Sekunde lang glaubhaft. Allein die Tatsache, daß all diese Filmprominenz, mit Gastauftritten von Korritke bis Schweiger, sich in diesem Eiertanz sogar noch für die kleinsten Nebenrollen hergegeben hat, ist eine Armutsbekundung. 1970-01-01 01:00

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