— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Agata und der Sturm

Agata e la tempesta. I/CH/GB 2004. R,B: Silvio Soldini. B: Doriana Leondeff, Francesco Piccolo. K: Arnaldo Catinari. S: Carlotta Cristiani. M: Giovanni Venosta. P: Albachiara, Lumière & Company. D: Licia Maglietta, Giuseppe Battiston, Emilio Solfrizzi, Marina Massironi u.a.
120 Min. Tobis ab 23.12.04

Unter Hochspannung

Von Frank Brenner Silvio Soldini gelang spätestens im Jahr 2000 mit seinem vierten Film Pane e tulipani der internationale Durchbruch. Auch hierzulande hat der kleine italienische Arthausfilm mit fast eineinhalb Millionen Zuschauern begeisterte Fans gefunden. Ein Jahr darauf ließ Soldini Brucio nel vento folgen, der u.a. auch auf der Berlinale lief, ansonsten aber weitgehend unbeachtet blieb. Das wird sich bei Agata und der Sturm sicherlich nicht wiederholen, da Soldini hier nicht nur die beiden Hauptdarsteller aus Pane e tulipani auf die Leinwand zurückholte, sondern auch sonst eine ganz ähnliche Atmosphäre heraufbeschwört und dennoch einen ganz anderen Film gedreht hat.

Agata ist Buchhändlerin und die Schwester von Gustavo, den seine Ehe zunehmend langweilt und der unversehens aus seinem Alltag ausbrechen wird. Er erfährt nämlich, daß er als Kind adoptiert wurde und eigentlich der Bruder des Vertreters Romeo ist. Mit seiner Schwester Agata, mit der ihn eine innige Freundschaft verbindet, soll er also gar nicht verwandt sein. Agata ihrerseits bekommt in ihrem kleinen Buchladen Avancen von einem 13 Jahre jüngeren Stammkunden gemacht, was bei der attraktiven Mittvierzigerin im wahrsten Sinne des Wortes die Sicherungen durchbrennen läßt.

Soldinis Neuer ist ein komplexer Ensemblefilm, der sich nicht nur dieser drei Hauptfiguren annimmt, sondern auch das Leben ihrer jeweiligen Partner und weiterer beteiligter Personen im Detail nachzeichnet. Stellenweise hat sich der italienisch-schweizerische Regisseur dabei ein wenig übernommen. Vor allem nach den ersten eineinhalb kurzweiligen Stunden wird man das Gefühl nicht los, daß sein Film zu keinem Ende finden kann, weil es immer noch ungelöste Handlungsstränge gibt und Soldini noch alle seine Geschichten abschließen will. Davon aber abgesehen bietet Agata und der Sturm einfach vorzügliche Unterhaltung. Die Drehbuchautoren haben sich die Mühe gemacht, auch den Alltag der Figuren möglichst realitätsnah zu gestalten, was vor allem bei der Schilderung des Arbeitsablaufes in der Buchhandlung zu raffinierten kleinen Kabinettstückchen Anlaß bietet. Darüber hinaus gibt es im Film die surrealistische Komponente, die mit Agatas Elektrisierung einhergeht. Durch ihren jungen Verehrer scheint die Protagonistin derart aufgeladen zu sein, daß in ihrer Umgebung bei der entsprechenden Stimmung sämtliche Glühbirnen durchbrennen und elektrische Geräte verrückt spielen. Auch aus dieser Konstellation schafft Soldini einige liebenswert-nette Gags, die die Handlung beschwingt vorantreiben. Immer wieder wird die offensichtliche Komik von einer leichtfüßigen Lebensweisheit durchbrochen, mit der die persönlichen Schicksale der Figuren nachgezeichnet werden, die sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Film an ihrem jeweiligen Scheideweg befinden und ihr zukünftiges Leben in neue, geordnete Bahnen lenken müssen. Ein Film, der alles in allem sowohl gelungene nachdenkliche als auch überzeugende komische Akzente setzt und dabei ansprechend unterhält. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap