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After Life

Wandafuru raifu. J 1998. R,B,S: Hirokazu Kore-eda. K: Masayoshi Sukita, Yutaka Yamasaki. M: Yashurio Kasamatsu. P: Engine Film, TV Man Union. D: Arata, Erika Oda, Susumu Terajima, Takashi Naitô u.a.
118 Min. Peripher ab 10.4.03

Rosebud

Von Carsten Tritt Übergehend vom Leben ins Jenseits verweilen die Verstorbenen eine Woche in einem Zwischenstadium in einem wäldlich gelegenen Haus – eines jener typischen Verwaltungsgebäude, die vor rund einhundert Jahren wohl auch in Japan zuhauf entstanden sind und bei uns massenweise unter Denkmalschutz gestellt werden – und werden von Sachbearbeitern einer nicht näher definierten Gesellschaft begrüßt: »Guten Morgen. Sie können Ihren Mantel dort aufhängen.«

Die Darstellung dieses Zwischenstadiums (die Bezeichnungen »Vorhölle« oder »Fegefeuer« würden zwar begrifflich passen, aber falsche Assoziationen wecken) ist unspektakulär, und der Filmemacher zeigt so gleich zu Beginn, daß es ihm keineswegs um die Präsentation einer Post-Mortem-Vision geht. Insofern ist auch der Verleihtitel After Life irreführend; die literarische Übersetzung des Originaltitels würde »Wunderbares Leben« lauten. Das Todesszenario ist also nur ein Gedankenspiel, innerhalb dessen Koreeda Untersuchungen über das Leben anstellt, seine Figuren auffordernd, jenen Augenblick zu wählen, der ob seiner Schönheit verweilen möge. Anders gesagt: Die Verstorbenen sollen innerhalb der ersten drei Tage eine Erinnerung aus ihrem Leben wählen, die dann nach ihren Angaben verfilmt wird. Am letzten Tag wird der Film den Toten vorgeführt, die damit als einzige Erinnerung in die Ewigkeit eingehen.

After Life beeindruckt wegen seiner Vielschichtigkeit, die sich aus dieser Grundidee wie von selbst entwickelt und in der u.a. über das Filmmedium und über erkenntnistheoretische Ansätze reflektiert wird; dies, was noch überraschender ist, in ausreichend unterhaltsamer Umsetzung, so daß nicht die Frage aufkommt, ob der Autor seine Theorien nicht besser in einem Essay statt einem Drehbuch dargelegt hätte bzw. das umfangreich preisgekrönte Werk nie in Gefahr gerät, zum onanistischen Film-im-Film-Event für filmwissenschaftliche Fachidioten zu werden – was bei der Vielzahl themenverwandter Produktionen der Fall ist.

Der hier zur Verfügung stehende Platz reicht sicher nicht aus, um der Ideenwelt Koreedas gerecht zu werden. Ich möchte stattdessen lieber den dämlichsten Kommentar heranziehen, den ich zu After Life gelesen habe: Der Film sei unlogisch, da er nicht erklären könne, wie Menschen sterben konnten, bevor das Kino erfunden wurde – und der in seiner Blödheit einen durchaus interessanten Ansatz bietet.

In der Tat ist die Filmvorstellung, aufgrund der die Protagonisten sich am Ende quasi in jenen Stoff, aus dem die Träume gemacht sind, verwandeln, nur sehr indirekt auf dem Erlebten beruhend. Eine Verfälschung erfolgt erst durch die Erinnerung selbst, dann durch die Sachbearbeiter, die durch ihre Filme das im Leben erfahrene Gefühl wieder hervorrufen wollen und dabei vor das stete Problem gestellt werden, daß das Medium bekanntlich nur zwei Fünftel der menschlichen Sinne anzusprechen geeignet ist: Die Assoziationen der anderen drei Sinne müssen durch das Gesehene und Gehörte mitbedient werden. Gerade eine objektive Einstellung zum zu Zeigenden würde den Zweck vereiteln. Koreeda beweist dies, indem er einem der Toten zur Erinnerungssuche Videobänder seines gesamten Lebens zur Verfügung stellt – diese sind distanziert und emotionslos.

Andererseits bedient sich Koreeda selbst dieses Stils. Er stellt wie in einer Fernseh-Dokumentation – über die er selbst zum Spielfilm gekommen ist – die Kamera auf ein Stativ, die herumsitzenden Personen abfilmend, oder bedient sich in Außenszenen einer Handkamera, die nicht die Figuren inszeniert, sondern bloß deren Bewegungen nachfolgt. Er baut sogar, ohne dies kenntlich zu machen, dokumentarische Aufnahmen von Menschen ein, die als angeblich Verstorbene über ihre realen Erinnerungen berichten, was nun allein dadurch auffällt, daß ihre Schilderungen viel lebendiger erscheinen als es die Schauspieler darstellen könnten. Wobei man gemeinerweise fragen könnte, ob Koreeda hier sein Regietalent in derart kluger Reduktion eingesetzt oder sein begrenztes Potential perfekt genutzt hat, um zur Antwort zu kommen, daß dies doch letztlich egal ist. 1970-01-01 01:00

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