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Aeon Flux

USA 2005. R: Karyn Kusama. B: Phil Hay, Matt Manfredi. K: Stuart Dryburgh. S: Peter Honess, Plummy Tucker. M: Graeme Revell. P: MTV Prods, Lakeshore Ent, Valhalla Motion Picts u.a. D: Charlize Theron, Marton Csokas, Jonny Lee Miller, Sophie Okonedo u.a.
UIP ab 16.2.06

Sinnloses Unterfangen

Von Nicole Ribbecke Wir sehen lediglich ein riesiges Auge, das keine Pupille zu haben scheint. Erst nachdem das Auge sich als menschliche Fliegenfalle erwiesen hat, kommt die Pupille zum Vorschein und bald darauf auch die Person, die sich dahinter verbirgt: Aeon Flux. Dies ist der Vorspann der Kult-Serie auf MTV. Als eingefleischter Fan der gelenkigen Spionageagentin, die sich durch eine futuristische Zukunft kämpft, sitze ich in ungläubiger Erwartung im Kinosessel. Eine filmische Umsetzung der Comic-Vorlage erachte ich als schier unmöglich. Zu surreal die Schauplätze, zu unmenschlich die Verrenkungen der Körper und zu verquer der Handlungsstrang, sollte man ihn überhaupt als solchen bezeichnen können.

Nach Angelina Jolie in Tomb Raider und Halle Berry als Catwoman, darf nun Charlize Theron, von der wir seit Monster wissen, daß sie in einfach jeder Rolle überzeugt, ihr Können als Actionheldin unter Beweis stellen. Und tatsächlich – sie macht neben ihren Buhlerinnen gar keine so schlechte Figur. Direkt in der Anfangssequenz werden ihre Wimpern, vergleichbar mit der MTV-Version, zu einer fleischfressenden Pflanze. Von neuem davon überzeugt, daß die Innovation der Tricktechnik so ziemlich jede Illusion zu erzeugen vermag, drücke ich mich freudig erregt tiefer in meinen Platz.

Theron beweist ein weiteres Mal ihre Wandlungsfähigkeit. Nicht nur darf sie, den katzenhaften Bewegungsabläufen der Agentin treu bleibend, durch den Film stolzieren, klettern, springen und kämpfen, auch die hautengen, spärlichen Lack-Latex-Outfits, ganz der Serienheldin gemäß, erfüllen meine Erwartungen. Ihr Sex-Appeal läßt keine Wünsche offen und hilft, über eine laue Story und die dünnen Charakterzeichnungen hinwegzutäuschen. Diese werden der, in der Serie aufgeworfenen provokanten Ideen und undurchsichtigen Motive der Charakteren im Original, nämlich keinesfalls gerecht. Enttäuscht folge ich einem uninspiriert dünnem Plot.

Das Vorhaben, dem Geist der Vorlage ein würdiges Denkmal zu setzen, scheitert gnadenlos an völliger inszenatorischer Einfallslosigkeit. Entsetzt muß ich feststellen, daß Aeon Flux eine zwischenmenschliche Beziehung zu ihrer Schwester pflegt, die auch noch auf einem ganz ordinären Markt einkaufen geht. Und dem nicht genug: Der aus dem Comic bekannte, ambivalente Charakter des Trevor Goodchild zerfällt unoriginell in eine gute und böse Variante des Widersachers, indem ihm ein Bruder angedichtet wird. Zu allem Übel wirkt das Geschwisterpaar in ihrer Besetzung deplaziert und hätte womöglich in der jeweiligen Rolle des anderen eine bessere Figur gemacht. Jonny Lee Miller als Bösewicht, im Gegensatz zu seiner Kollegin nicht in jeder Rolle überzeugend, ist eine völlige Fehlbesetzung. Ebenso kann Marton Csokas als moralischer Part des Trevor Goodchild nicht überzeugen, vermutlich wünscht er sich zurück auf die Theaterbühne von der er einst hinabstieg, als schauspielerisch unterfordert in dieser High-Budget Produktion mitzuwirken. Ein deutscher Auftritt dagegen wirkt gekonnt: die kurze Rolle eines Ralph Herforth, der nicht nur in »Bis in die Spitzen« ganz böse dreinblicken kann. Zumindest gelingt der kühlen Darstellung der Hauptakteurin, mit einem in Stein gemeißelten Gesichtsausdruck, eine wunderbare, menschliche Gestaltung der Comic-Heroin, leider kann das übrige Ensemble nur spärlich durch Kostüme und Frisuren die Vorlage appropriieren. Die menschenfeindliche Kulisse der Serie wird durch das hübsch anzusehende Potsdamer Schloß Sanssouci und Zen-Möblierung ersetzt. Warum nur?

Doch seien wir mal ehrlich, niemand von uns hätte letztendlich erwartet, eine getreue Umsetzung der fluxschen Abenteuer vorgesetzt zu bekommen. Ich für meinen Teil bin sogar ein wenig beruhigt, daß der durchaus talentierten Girlfight-Regisseurin Karyn Kusama eine funktionierende Kopie der absolut einzigartigen Aeon nicht gelungen ist. Und wenn auch nur die erste Hälfte des Films wirklich spektakuläre Kampfsequenzen zu bieten hat, während der Rest dann vielmehr in sinnloses Geballer ausartet, habe ich mich doch keine Minute gelangweilt, immerhin wird mit neuartigen Kommunikationsarten sowie genmanipulierten Biowaffen aufgewartet. Und auch wenn dies in Zeiten der marktüberschwemmenden Sequels eine kühne Behauptung ist und durch die Klonthematik eine umso gewagtere, legt der philosophische Untergang der im Film bestehenden Welt doch nahe, daß auf einen zweiten Teil erfreulicherweise verzichtet wird. Eine Fortsetzung der genialen Comic-Serie werde ich dagegen weiterhin ungeduldig ersehnen. 1970-01-01 01:00

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