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Adams Äpfel

Adams Aebler. DK 2005. R,B: Anders Thomas Jensen. K: Sebastian Blenkov. S: Anders Villadsen. M: Jeppe Kaas. P: M&M Prods. D: Ulrich Thomsen, Mads Mikkelsen, Nicolas Bro, Paprika Steen u.a.
94 Min. Delphi ab 31.8.06

How Deep Is Your Love?

Von Sebastian Gosmann Die Protagonisten des dänischen Kinos haben es nicht leicht heutzutage. Anders Thomas Jensens Figuren zum Beispiel müssen einiges ertragen. In ihrer Kindheit werden sie Opfer sexuellen Mißbrauchs und in ihrer Jugend Augenzeuge eines Selbstmordes. Die meisten von ihnen werden zu ebenso nutz- wie ahnungslosen Kleinganoven oder bieten dreist Menschenfleisch feil. Und schafft es doch mal einer zum rechtschaffenen Bürger, hat er sich alsbald mit dem folgenschwer verunfallten Liebsten abzufinden oder wird zum Schutzbefohlenen eines behinderten Familienmitglieds erkoren. Ein dänischer Kinocharakter kann sich nie sicher sein, wann das Unglück an seine Türe klopft. Wieso sollte es Jensens neuestem Schützling also anders ergehen?

Ivan selbst hat in seinem Leben gleich mehrere solcher Schicksalsschläge zu verkraften gehabt und ist somit einer von ihnen. In gewisser Weise jedoch stellt er einen Gegenentwurf dar zu all den mehr oder minder verkorksten Gestalten aus Jensens Feder, für die Ivans Hort der Nächstenliebe das ideale Auffangbecken wäre. Das Inzestopfer läßt sich trotz des durch die Bürde eines spastisch gelähmten Sohnes ausgelösten Selbstmordes seiner Frau nicht vom rechten Weg abbringen. Selbst dann nicht, als ihm auch noch ein Hirntumor attestiert wird. Sein Glaube an Gott wird zumindest so lange nicht erschüttert, bis dem Priester der zwecks Resozialisierung angereiste Neonazi Adam zu Leibe rückt. Dessen Ankunft entfacht einen mitunter nicht unblutigen Kampf zwischen Gut und Böse – ausgetragen von den beiden irdischen Stellvertretern.

Bedächtig wird über der Komödie ein Mantel aus genrefremdem Stoff ausgebreitet, und bald geht es gar unheimlich zu in Adams Äpfel – ein Titel, der gar nicht erst versucht, seinen Bibelbezug zu leugnen. Doch gilt Jensens Hauptinteresse einer anderen Stelle im Alten Testament: Er formuliert ganz frech – und auf seine eigene verschrobene Art – die Hiobsgeschichte neu. Daß sich die düstere Metaphorik ebenso den Kennern der Heiligen Schrift als auch bibelunkundigen Kinogängern gleichermaßen leichtfüßig erschließt, ist der inszenatorischen Klasse seines Autors zu verdanken, der sich seinem Hang zu beißendem Humor und irrwitzigen Situationen auch in seiner dritten und bisher besten Regiearbeit verpflichtet fühlt. Daß seine Charaktere dabei wieder mit der gewohnt unbekümmerten Brutalität vorgehen dürfen, ist natürlich Ehrensache. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #43.
© 2012, Schnitt Online

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