— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Absolute Wilson

USA/D 2006. R,B: Katharina Otto-Bernstein. K: Eric Seefranz, Ian Saladyga. S: Bernadine Colish. M: Miriam Cutler. P: Alba Film Productions, Film Manufacturers. D: Robert Wilson, David Byrne, Susan Sontag, Philip Glass u.a.
109 Min. Kinowelt ab 12.10.06

Tempolimit!

Von Tamara Danicic Robert Wilson scheint das Wort »Ermüdungserscheinung« nicht zu kennen. Mit seinen 65 Jahren kann der Starrevolutionär der Theater- und Opernwelt auf ein wahrlich monumentales Werk zurückblicken, das in immer neuen Variationen weiterzuwachsen scheint. Nebenbei hat er sich mit bildender Kunst, Installationen und Möbeldesign einen Namen gemacht und leitet eine interdisziplinäre Künstlerschmiede auf Long Island. Wie ein rasender Nomade trägt er seit vielen Jahren sein einzigartiges künstlerisches Universum in alle Welt.

Essentielles Fundament seiner Inszenierungen sind die absolute Präzision der Bewegungen sowie die zelebrierte Langsamkeit. Diese Liebe zur Zeitlupe wird in Absolute Wilson – ebenso wie andere Konstanten seines Schaffens auch – biographisch verankert. So läßt die Regisseurin Katharina Otto-Bernstein Wilson von der Tanzlehrerin Byrd Hoffman erzählen, die seinerzeit dem jungen Bob riet, alle Sinneseindrücke einfach langsamer zu verarbeiten, um so seine Lern- und Sprachstörung in den Griff zu bekommen.

Diesen Ratschlag hätte sich die Filmemacherin ruhig auch zu Herzen nehmen sollen. Es hätte ihrer Hommage sicherlich gut getan, hätte sie ihren bewundernden Blick auf den kreativ überschäumenden Gesamtkünstler stärker fokussiert und das Tempo heruntergefahren – auf die Geschwindigkeit seiner Kunst, nicht die des vielgefragten Künstlers. Statt dessen wird man im gestreckten Galopp durch 105 Minuten Biographie (inklusive zeitgeschichtlicher Ausblicke), Werksverzeichnis und Interview-Häppchen mit Wegbegleitern und Freunden gejagt. Fast alles muß mit Bildern untermauert sowie mit Musik unterlegt werden. Und dann wird im Archivmaterial auch noch ständig leicht gezoomt oder geschwenkt, als bedeute Stillstand den sofortigen Tod. Kein einziger Ausschnitt aus einer seiner Inszenierungen bekommt genügend Raum zugestanden, um zu atmen, um seine besondere Magie zumindest ansatzweise zu entfalten. Damit wird Wilsons Begabung, sein Publikum zu berühren, zur reinen Behauptung, nie wirklich sinnlich erfahrbar.

Mag Otto-Bernstein selbst auch ihren Film als »absoluten Wilson«, als geistiges Kind des Meisters sehen, insofern er die klassisch-lineare Erzählstruktur aufbricht, wirkt ihre »Häppchen-Strategie« dennoch letztlich nur ziemlich fahrig und atemlos. Schade. Wie so oft wäre auch in diesem Fall weniger mehr gewesen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #44.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap