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Absolute Giganten

D 1999. R,B: Sebastian Schipper. K: Frank Griebe. S: Andrew Bird. M: the Notwist. P: X-Filme. D: Frank Giering, Florian Lukas, Antoine Monot jr., Julia Hummer, Jochen Nickel u.a.
81 Min. Senator ab 30.9.99
Von Natalie Lettenewitsch Der Produzenten-Vertrauenskredit von Tom Tykwer an seinen Kleindarsteller Sebastian Schipper, als Regisseur noch ein »absolute beginner«, wird belohnt: Für die X-Filmer, die sich einst unter anderem aus Frust gegen Werke über »Zahnärzte und Radiomoderatoren« zusammenfanden, hat dieser mit Absolute Giganten einen Film voller Independent-Charme gedreht, einen weiteren, erholsamen Gegenentwurf zum aalglatten deutschen Yuppie-Hochglanzkomödienkino der 90er. Ein kleiner Diamant, liebevoll geschliffen, der durch ein paar Dreckschichten umso schöner funkelt. Schipper selbst denkt an »Garagen-Musik, man hört die Gitarre ein bißchen schräg, der Sound ist absolut low-fi, aber dennoch vermittelt das ein ganz straightes Gefühl, gerade weil es nicht ganz perfekt ist, weil es echt ist. Ich glaube, daß die Sehnsucht nach solchen Brüchen, nach kleinen Unfällen sehr groß ist.« Ein »Grunge-Film« also, leicht britisch angehaucht, mit einer wunderbar unspektakulären Geschichte: Drei Jungs aus einer Hamburger Vorstadtsiedlung verbringen ihre letzte gemeinsame Nacht – nicht, weil einer einen Gehirntumor hat, sondern weil er schlicht die Fliege machen will, raus aus der Stadt. Auch ohne Banküberfälle sind sie dabei auf ihre Art absolute Giganten – denn das Leben ist »alles, nur nicht klein und Scheiße« (Schipper). Es sind Typen zum Anfassen, die es einem verteufelt schwer machen, das durch häufigen Mißbrauch verhaßt gewordene Wort »authentisch« zu vermeiden. Den Film zeichnet eine wohltuend liebevolle Haltung zu seinen Charakteren aus, die im heimischen Kino oft schmerzlich zu vermissen war, wo etwas proletiger gleich grenzdebil bedeutet. Während Schipper, der klar von der eigenen Schauspielerfahrung profitiert, eine Figur voller Möchtegern-Coolheit wie Ricco zwar entlarvt, aber niemals verrät.

Absolute Giganten lebt von seinen Darstellern, und die Kamera folgt ihnen – nichtsdestoweniger ist die einmal mehr unglaublich präzise visuelle Arbeit von Frank Griebe zu würdigen. Der mittlerweile nicht nur für seine Filme mit Tykwer mehrfach ausgezeichnete Kameramann findet diffizile Farb- und Lichtstimmungen für die Nacht der drei Freunde, und die insgesamt angenehm unaufdringliche Bildgestaltung verwöhnt auch mit grandiosen, dabei nie selbstzweckhaften Aufnahmen. Ein Glanzstück natürlich das Kickerspiel, dramaturgischer Höhepunkt des Films, für das Schipper Profi-Weltmeister engagierte: mit einer Schnabelkamera gefilmt und gänzlich ohne Computeranimation.

In diesen Bildern hat vieles Platz: Action neben bittersüßer Melancholie, wunderschön durchgehaltenes ruhiges Tempo bei zugleich hohem Unterhaltungswert. »Mein Traum von einem guten Film war, beides zu machen – ich mag Blödeleien, ich mag Action, aber ich mag natürlich auch das, was bleibt von einem Film, was ich nicht vergesse, eine bestimmte Atmosphäre. Es geht dabei nicht darum, daß die Melancholie mehr wert ist als der Spaß – es geht um die Melancholie nach dem Spaß, um die Stimmung nach einer durchgefeierten Nacht, man kommt mit verschwitztem, nassem, stinkendem Hemd aus der Disco, und schlendert vollkommen fertig im Morgengrauen nach Hause. Aber es war schön.«

Die scheinbare Einfachheit und Direktheit von Absolute Giganten, die man der »Unverdorbenheit« eines Newcomers zuschreiben könnte, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß man es mit einem wohldurchdachten und auch sehr stilisierten Filmkunststück zu tun hat. Leicht nostalgisch und von fast zeitloser Qualität, zugleich klar im Jetzt verankert; auch im Hier, trotz aller Sehnsucht nach amerikanischen Muscle Cars oder überhaupt Sehnsucht, woanders hinzuwollen (die vielleicht selbst ziemlich deutsch sein mag). Ganz nebenbei liefert Schipper ein kleines Tarantino-Zitat, baut selbiges jedoch ironisch in den eigenen Kontext ein, ohne ihn zu imitieren. Damit gelingt ihm eine ganze Menge, woran deutsche Filme der letzten Jahre gescheitert sind. 1970-01-01 01:00

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