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Absolut Warhola

Absolut Warhola. D 2001. R,B,S: Stanislaw Mucha. K: Susanne Schüle. M: Drislak. P: strandfilm.
80 Min. OmU. Pegasos Film ab 29.11.01

Künstlerbiografie der besonderen Art

Von Norbert Parzinger Wo liegt Medzilaborce? Gleich da hinten die Straße runter, wie die Feldarbeiter behaupten? Oder eher nördlich, wie der Fahrradfahrer vorhin meinte? Oder hätte man auf die drei Omas gestern hören und doch in ihrem Dorf links abbiegen sollen? Zur Einstimmung läßt Stanislaw Mucha sein Publikum erstmal für ein Viertelstündchen die Irrfahrten seiner Filmcrew nacherleben, die kein Ende zu nehmen scheinen, durch Sonne oder Eisregen, durch blühende Karpatentäler oder schneematschverschmierte Dörfer. Das polnisch-slowakisch-ukrainische »Bermudadreieck« schluckt nicht nur Jahreszeiten, sondern mitunter ganze Kleinstädte, so scheint es, und nicht einmal ein Museum ist sicher, das Andy Warhol geweiht ist, ein Schrein für den Pop-Art-Gott in der Heimat seiner ruthenischen Vorfahren.

Es findet sich natürlich doch noch. Es sieht aus, als hätte sich der Palast der Republik von einem Karstadt-Zentrallager ein Kind andrehen lassen, das dann auf dem Land bei armen verwandten Plattenbauten aufwachsen mußte. Das Dach ist auch nicht ganz in Ordnung, deshalb steht zwischen den Marilyns und den Campbell's-Dosen eine Batterie alter Blecheimer, dreidimensional und gut gefüllt mit Schmelzwasser. Aber das »einzige Pop-Art-Museum Europas«, so das Presseheft, ist dem Ex-Theaterschauspieler Mucha weniger Mittelpunkt als Aufhänger seines ersten Kinoprojekts. Ebensowenig geht es ihm um Warhol selber; »Drella« ist der große Abwesende in Absolut Warhola, ständiger Bezugs- und Projektionspunkt, aber immer außer Sichtweite.

Stattdessen wendet sich die Kamera den übriggebliebenen Warholas zu. Die genießen ihre fünfzehn Minuten Ruhm vor der Kamera, aber sie lassen sich nicht aus der Ruhe bringen durch den Rummel um »Andrijku«. Man hat Erfahrung hier mit überlebensgroßen Gestalten, man hat ein eigenes Fach, wo man sie wegsortiert; deshalb bringt Tante Maria auch gelegentlich Warhols Selbst- und Leninporträts durcheinander. Die Ruthenen spinnen ihre Heiligenlegenden um den amerikanischen Cousin, und der Museumskurator hat eine veritable Devotionaliensammlung zusammengerafft, doch in seiner Ecke ist der Familienpatron dann auch ganz gut aufgehoben.

Der Hauptdarsteller ist das, was den Menschen in Medzilaborche, Miková und den anderen Dörfern über Armut, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus in ihrem implodierenden Wirtschaftsraum hinweghilft, was die wacklige Idylle hinter den sieben Bergen aufrechthält: ihr unbeirrter, gelassener Gemeinschaftsgeist. Wenn die Kamera mit Vetter Jan Warhola die sagenhaften Ölquellen im Gemeindeforst besichtigt, der alten Maria in der Küche Gesellschaft leistet oder einem erklärten »Warholic« bei seinen wodkabetriebenen Vorträgen über die Schulter schaut, dann fängt sie Bilder ein, neben denen alle Siebdrucke des Meisters vertrocknet und verkopft aussehen. Mucha macht sich das zunutze, wenn er die beiden Pole gelegentlich ein bißchen boshaft gegenschneidet; überhaupt ist es hier einem Cutter-Regisseur gelungen, erzählerisch sogar einer Kamerafrau wie Susanne Schüle das Heft aus der Hand zu nehmen.

Also? Roadmovie-Dokumödie, anarchisch-dekonstruierte Künstlerbiografie, postkommunistische Sinnkrisensatire – Absolut Warhola könnte man viele Untertitel geben. Nur verpassen sollte man dieses Kinodebüt auf keinen Fall. 1970-01-01 01:00
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