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Die Abrafaxe – Unter schwarzer Flagge

D/VN 2001. R: Gerhard Hahn, Tony Power. B: Richard Everett, Thomas Platt, Julius Grützke, Ulla Ziemann. S: Jodie Steinvorth. M: Nena Kerner, Harry Schnitzler, Karsten Sahling, Arnel Cosca. P: Abrafaxe Trickfilm AG, Hahn Film, Universal. Stimmen: Kim Hasper, David Turba, Ilona Schulz, Nena Kerner, Helmut Krauss, Ulrich Voß, Santiago Ziesmer, Wilfried Herbst, Stefan Fredrich, Michael Pan u.a.
81 Min. UIP ab 25.10.01

Über die Wiederspiegelung der Landeskultur im zeitgenössischen Kinderfilm,

Von Carsten Tritt 1.
In den »Pokemons« findet sich eine interessante, auf Kinder zugeschnittene Weiterverarbeitung japanischer Kultur. Die Pocket Monsters sind quasi die Söhne von Godzilla, Mothura und Gyakushu, den legendären urzeitlichen Wesen aus den Filmen Inoshiro Hondas und seiner Nachfolger, und damit ein nicht wegzudenkender Teil des japanischen Kulturschaffens nach 1945, eine zum Teil kongeniale Verarbeitung der aus den Ereignissen von Hiroshima und Nagasaki resultierenden Ängste. Die Kämpfe der Pocket Monster gegeneinander mit ihren verschiedenen Fähigkeiten, ihr Aufstieg in verschiedenen Kampfstufen zu neuen Persönlichkeiten ist nichts anderes als eine Adaption der Jahrhunderte alten asiatischen Tradition verschiedener Kampfstile und -schulen. Schließlich ist die grandiose, generalstabsmäßig organisierte Abzocke der Kinder mit unglaublichen Merchandising-Schrott nichts anderes als Ausdruck der aus dem Westen übernommenen und von den Japanern in beeindruckender Weise weiterentwickelten Kapitalismus-Kultur.

2.
Die Abrafaxe sind als Nachfolger der Digedags in der Mosaik-Reihe entwickelte Comicfiguren. Sie sind Geschöpfe einer DDR-Tradition, die sich verweigerte, aus dem imperialistisch-faschistischem Westen Comics zu importieren, als in der DDR ein Bedarf für Comics entstand, sondern vielmehr einen eigenen sozialistisch-völkerverbindenden Comic für die DDR schuf, der später, wie es sich für ein herausragendes volkseigenes Erfolgsprodukt gehörte, auch in andere Vertragsstaaten des Warschauer Paktes und somit seinen Beitrag zur Entwicklung des Friedens, des Humanismus und einer sozialistischen Gesellschaft diente. In seiner Verfilmung propagiert er ein freies sozialistisches Kollektiv (die Piraten auf ihrer Insel, mit Anna Bonny als Generalsekretärin), das sich aufgrund seiner ideologischen Überlegenheit erfolgreich zur Wehr setzt gegen den menschenverachtenden, kapitalistischen Feind (den Piraten Blackbeart) sowie den ebenso profitsüchtigen imperialistischen Feind (die Spanier). Am Ende wird auf den materiellen Erfolg (das Gold) verzichtet zugunsten des höheren ideellen Ziels (Weiterbestand und Fortführung des real existierenden sozialistischen Piratenstaates). Die erbärmlich konstruierte Geschichte, die dem zugrunde liegt, und die seelenlosen Bilder, die sogar so schlecht animiert sind, daß man in ihnen nicht selten die einzelnen Pixel der billig gemachten Computeranimationen sieht, sind dabei Ausdruck eines in für die DDR typischer Weise, offensichtlich auf Basis von Jahresplänen, erzeugten Produkts, an dem kein sozialistischer Arbeiter Lust hatte, engagiert mitzuwirken (die Helden der Arbeit waren offensichtlich gerade auf einem Gewerkschaftskongreß) und bei dessen Herstellung es wohl dauert, entweder an Speicherplatz für eine vernünftige Grafik oder an Keyboards für eine vernünftige Programmierung fehlte und macht den Film somit zu einem Musterbeispiel für die typische, in langer DDR-Tradition stehende, lausige Qualität des Endproduktes.

3.
Die Abrafaxe – Unter schwarzer Flagge ist der Versuch, auf schnelle Weise und unter Ausnutzung des guten Rufes einer Comicserie, mit der viele Ostdeutsche schöne Jugenderinnerungen und ihre Kinder auch heute noch Lesespaß verbinden, eine bestimmte Zielgruppe in einen miesen Film zu locken, der im Ausland allenfalls als Ramschvideo vermarktbar sein dürfte, und somit an den Inhalt der Geldbörsen eben dieser Zielgruppe zu kommen. Insofern zeigt er, wie in wunderbarer Weise das Wertesystem der BRD auch Einzug in die neuen Bundesländer gefunden hat und ist damit grandioser Beweis für das gelungene Zusammenwachsen unseres Volkes.

Noch was: Wenn ausgerechnet in einem Kinderfilm sich über körperlich Behinderte lustig gemacht wird, die dabei unwidersprochen als »Mutanten« bezeichnet werden dürfen, so finde ich das schon ein starkes Stück. Es ist daher auch schon aus pädagogischen Gründen von diesem Mistfilm abzuraten. 1970-01-01 01:00
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