— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Aaltra

B/F 2004. R,B: Benoît Delépine, Gustave de Kervern. K: Hugues Poulain, Jackson Elizondo. S: Anne-Laure Guégan. P: La Parti, OF2B. D: Benoît Delépine, Gustave Kervern, Aki Kaurismäki, Jason Flemyng, Benoît Poelvoorde u.a.
92 Min. Weltecho ab 4.5.06

Chasing Aki

Von Sebastian Gosmann Lange Einstellungen von trostlosen Landschaften, deren wortkarge Bewohner sich nur dank übermäßigem Wodka-Konsum von ihren wahlweise durch soziale Schieflage oder persönliches Pech hervorgerufenen Selbstmordgelüsten ablenken lassen. Bei einer knappen Umschreibung des finnischen Kinos gilt es natürlich auch, jenen Begriff nicht zu vergessen, der sich das Geburtsdatum mit ihm zu teilen scheint und seither ohne die anschließende Nennung des Wortes »Humor« fast undenkbar ist: lakonisch. Zumindest trifft dies alles zu auf das Filmschaffen Aki Kaurismäkis. Zumindest aus der Sicht eines mitteleuropäischen Kinogängers.

Auch Aaltra fühlt sich an wie finnisches Kino. Um so bemerkenswerter ist, daß es sich bei dem Film um ein belgisch-französisches Gemeinschaftsprojekt handelt, vereint er doch alle soeben genannten Merkmale des kaurismäki'schen Kinos in sich.

Recht schnell macht sich diese typische Melancholie breit. Bereits vor ihrem tragischen Unfall sind die Lebensumstände der beiden Protagonisten nicht gerade als beneidenswert zu bezeichnen: Dem Motocross-vernarrten Berufspendler kommt bereits innerhalb der ersten Minuten der Anlaß abhanden berufszupendeln, und seine aufgrund des unerfüllten Babywunsches völlig verzweifelte Frau vögelt fremd im bereits fertig eingerichteten Kinderzimmer. Sein fauler, treckerfahrender Nachbar teilt sich den Dachstuhl eines verfallenen Bauernhauses mit den Tauben und macht ansonsten einen eher ungeselligen Eindruck. Einzig ihre aus unersichtlichem Grunde entstandene, vielleicht schlicht aus Langeweile aufrechterhaltene Feindschaft verbindet die beiden.

Da erscheint die Querschnittslähmung der beiden schon fast als Chance. Sie setzen ihre Rollstühle in Bewegung und machen sich auf nach: Finnland. Dort befindet sich nämlich der Sitz des Landgeräte-Herstellers Aaltra, der auch den Bau desjenigen Höllengefährts zu verantworten hat, das sie zu Krüppeln gemacht hat. Höchstpersönlich will man dort auflaufen (oder eher -fahren), um die Firma zur Zahlung einer gesalzenen Entschädigungssumme zu bewegen.

Dabei kommt das Gefühl auf, die Kamera sei immer nur in den Momenten auf die beiden Individualreisenden gerichtet, in denen sie schweigend ihres Weges rollen. Wichtige Entscheidungen werden scheinbar in Abwesenheit des Zuschauers gefällt, und auch die mitunter kryptische Symbolik des Films läßt einige Fragen offen. Die Macher setzen offensichtlich auf die Geduld ihres Publikums und dessen Bereitschaft, sich uneindeutige Plotelemente selbst zusammenzureimen.

Zudem mag sich anfangs nicht so recht erschließen, warum man diese sich jedwedem Sympathieempfinden konsequent entgegenstellenden Eigenbrötler auf dem weiten Weg nach Kaurismäkiland begleiten sollte. Mehr als vage Andeutungen bezüglich der Vergangenheit der beiden gibt es nicht. Identifikationspotential, where are you?

Wenn der Film jedoch seine bittere Komik entfalten darf, bietet er wahrlich große Momente.

Bei ihrem Weg quer(schnittsgelähmt) durch Europa hinterlassen sie eine Spur der Undankbarkeit. Die Hilfsbereitschaft wohlmeinender Mitmenschen nutzen sie derart hemmungslos aus, daß es eine helle Freude ist. Unter dem Vorwand, nur mal eben die Batterie des unterwegs gemopsten Seniorenshoppers aufladen zu wollen, fressen sie sich bei einer gastfreundlichen deutschen Familie einen ganzen Tag lang durch. Frühstück. Abendessen. Grandios, wie ein simpler Schnitt die beiden Schmarotzer als solche enttarnt und damit die ganze Penetranz ihrer Anwesenheit fühlbar wird. Auf spendenunwillige Passanten wird (wohlgemerkt aus dem Rollstuhl heraus!) bedenkenlos eingeprügelt und Behindertenparkplätze unterliegen fortan einer Sondergebühr.

Die während all dieser Szenen ungebrochene Ausdruckslosigkeit in den Gesichtern der französischen TV-Komiker Benoît Delépine und Gustave Kervern, die für Aaltra nicht nur im Roll- sondern auch im Regiestuhl Platz nahmen, ist einfach köstlich. Auch die offene Herangehensweise tut ihrem Leinwanddebüt gut. Der Mix aus Schauspielern und Laiendarstellern, die zum Teil improvisierten Dialoge und der partielle Einsatz einer versteckten Kamera haben eine regelrecht belebende Wirkung auf die Inszenierung. Aufgrund ihrer tristen Schönheit hilft nicht zuletzt die grobkörnige Schwarzweiß-Ästhetik – gestützt von einer meist symmetrischen Bildanordnung – über die toten Punkte im Drehbuch hinweg.

Daß es sich bei Aaltra um ein »politisch inkorrektes Roadmovie« handeln soll, kann ich übrigens ruhigen Gewissens unterschreiben. Ich jedenfalls bin empört über die Behauptung, hierzulande würde sogar der heimatliche Marktplatz gestaubsaugt. Also, so weit geht der Reinlichkeitsfimmel der Deutschen auch wieder nicht. Welch Frechheit! 1970-01-01 01:00

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