— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

A History of Violence

USA/CDN 2005. R: David Cronenberg. B: Josh Olsen. K: Peter Suschitzky. S: Ronald Sanders. M: Howard Shore. P: New Line Cinema, Bender Spink. D: Viggo Mortensen, Maria Bello, Ed Harris, William Hurt u.a.
96 Min. Warner ab 13.10.05

Die Schule der Gewalt

Von Ekaterina Vassilieva-Ostrovkaja Was tun, wenn die Selbstverteidigung zu gut funktioniert? Als zwei Räuber – scheinbar zum Äußersten bereit – den Coffeeshop von Tom Stall überfallen, gelingt es ihm dank schneller Reaktion, die beiden gesuchten Schwerverbrecher mit ihren eigenen Waffen zur Strecke zu bringen und somit sowohl den eigenen Besitz als auch das Leben seiner Kunden und Mitarbeiter zu retten. Die Gerechtigkeit triumphiert, der Vorfall wird weit über die Stadtgrenze bekannt. Der tapfere Wirt avanciert daraufhin zu Presseliebling und Identifikationsfigur für ganz Amerika, verkörpert er doch den Typus eines bürgerlichen Helden, der hart an seinem Wohlstand arbeitet und ihn in Notsituationen auch noch selbst zu verteidigen weiß.

Die neoliberale Idee scheint hier ihre perfekte Bestätigung gefunden zu haben, denn die »Eigeninitiative« erweist sich als deutlich effektiver im Vergleich zu den polizeilichen Maßnahmen, die das umherziehende brutale Verbrecherduo bisher nicht zu stoppen vermochten. Aber auch ansonsten treten die Ordnungshüter in der Kleinstadt Millbrook gerne in den Hintergrund und beschränken sich höchstens auf eine »beratende« Funktion. Als ein bedrohlich wirkender Unbekannter einige Zeit nach dem verhinderten Überfall im Coffeeshop auftaucht, kann der Sheriff die Befürchtungen von Tom und seiner Frau Edie nur bestätigen und die ganze vierköpfige Familie zur Vorsicht mahnen. Tatsächlich kommt es in den nächsten Tagen zu einer Auseinandersetzung vor Stalls Haus, und schon wieder kann sich der anfänglich völlig unbewaffnete Tom gegen die Angreifer erfolgreich zu Wehr setzen. Keiner von ihnen überlebt, während Tom, wie beim ersten Mal, nur eine leichte Verletzung davonträgt. Aber diesmal bleibt der öffentliche Applaus weitgehend aus. Und auch die Polizei wird stutzig angesichts der fast unglaublich wirkenden Schlagsicherheit des Familienvaters…

Der Altmeister David Cronenberg inszeniert in A History of Violence eine perfekte kleinbürgerliche Idylle, um sie immer wieder aufs Neue zu verteidigen und gerade dadurch schließlich zu dekonstruieren. Auf der visuellen Ebene wird dieses Verfahren durch die satte Farbgebung unterstützt, die einerseits der Kleinstadtszenerie einen reizvollen Glanz verleiht, andererseits aber in den Gewaltszenen das angerichtete Blutbad besonders brutal und ästhetisch wirksam zur Geltung bringt. Eine besondere dramaturgische Wirkung wird dadurch erreicht, daß der Held, gespielt von Viggo Mortensen, an keiner Stelle als ein übergeschnappter Hitzkopf agiert, sondern immer die Fassung zu bewahren scheint und äußerlich nie aus der Rolle des Bilderbuchfamilienvaters gerät. Er besticht durch seine offene Art und den ungebrochenen Willen, die eigene Normalität zu verteidigen, auch wenn er dafür zu drastischen Mitteln greifen muß. Doch während die Eindringlinge effektiv dezimiert werden, entfernt sich der Traum von einem sicheren Alltag immer weiter, denn die Zusammenhänge zwischen der Gewalt und Toms eigenem Leben erweisen sich als viel enger, als man es zu vermuten wagte.

In seinem neuesten Film überrascht Cronenberg mit einer Story, die man nur schwer in eine direkte Verbindung zu seinem Gesamtwerk bringen kann. Doch das Thema der Entfremdung des Menschen von seinen eigenen Lebensentwürfen bleibt bestehen sowie die gewohnte filmische Qualität, die unter anderem wohl auch der erfahrenen Crew, die größtenteils aus früheren Cronenberg-Produktionen bekannt ist, zu verdanken ist. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap