— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Yasmin

GB/D 2004. R,B: Kenny Glenaan. K: Tony Slater-Ling. S: Kristina Hetherington, Tina Hetherington. M: Stephen McKeon. P: EuroArts, Parallax. D: Archie Panjabi, Renu Setna, Steve Jackson, Shahid Ahmed u.a.
87 Min. academy ab 26.5.05

Am Pranger

Von Ekkehard Kern Ein Golf GTI Cabriolet – geparkt am Straßenrand. Daneben: Ein Mädchen wechselt seine Kleidung und fühlt sich mit einem Mal freier als noch einen Augenblick zuvor. Yasmin ist Muslimin. Und das, was sie eben auszog, war ihr Gewand. Im modernen England bewegt sich die junge Frau zwischen zwei Welten: auf der einen Seite das strenge Regiment ihres gläubigen Vaters, der die Traditionen des Heimatlandes Pakistan hochhält. Auf der anderen Seite eben die moderne westliche Welt mit all ihren Verlockungen. Yasmin fühlt sich eingeengt. Und ihre Art der Rebellion ist der Versuch der Assimilation des westlichen Lebensstils. Als nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die Muslime von vielen kollektiv an den Pranger gestellt werden, wird der jungen Immigrantin schmerzlich bewußt, wie wichtig es ist, sich mit der eigenen Kultur und Geschichte zu befassen, mehr noch: mit ihr ins Reine zu kommen und sie mit Überzeugung zu repräsentieren.

All das, was das junge Mädchen über Jahre hinweg aufgebaut hatte, ist mit einem Mal keinen Pfifferling mehr wert. Kollegen und Freunde wenden sich von ihr ab. Daß Yasmin und all ihre Leidensgenossen lediglich Opfer der Angst, der Unsicherheit und des Aktionismus ratloser Politiker sind, hilft ihnen natürlich keineswegs weiter. Man muß nicht unter den Trümmern des World Trade Center verschüttet worden sein, um tot zu sein. Das begreift Yasmin mit einem Mal.

Ihre Geschichte ist die Geschichte eines Menschen, der erst das Schlimmste erfahren muß, um das zu schätzen, was ihm geschenkt wurde: die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die gefühlsmäßig eine Einheit bildet. Hier geht es nicht um Land oder Ideologie und deshalb nicht um Politik oder Religion, sondern um viel mehr. Yasmin steht stellvertretend für jeden Menschen, der das Glück dort sucht, wo es unauffindbar ist. Und für jeden, der es letztendlich findet. Auch wenn es ein steiniger Weg ist dorthin.

Auch durch das verwendete Material mutet der Film dokumentarisch an. Von Anfang bis Ende sich nah an der Protagonistin haltend, gewährt Regisseur Kenny Glenaan dem Zuschauer einen präzisen und überzeugenden Einblick in den Alltag von Yasmin. Ein gut gemeinter Film, der hält, was er verspricht. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #38.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap