— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Candy

AUS 2005. R,B: Neil Armfield. B: Luke Davis. K: Garry Phillips. S: Dany Cooper. M: Paul Charlier. P: Renaissance, Film Finance Corp. D: Heath Ledger, Geoffrey Rush, Abbie Cornish u.a.
108 Min. Concorde ab 21.9.06

Verweile doch!

Von Tamar Noort In voller Fahrt und gleichzeitig still: Zwei junge Menschen, die Gesichter entrückt und glückselig, haben nur Augen füreinander. Der Fahrtwind zerrt an ihren Haaren, die Zentrifugalkraft drückt sie an die Wand der Kirmesattraktion, die sich unter Höchstgeschwindigkeit im Kreis dreht.
In diesem Bild bleiben Raum und Zeit abstrakte Größen. Es gibt keinen Anhaltspunkt für die konkrete Zuordnung des Gesehenen. Unsere Sehgewohnheiten lassen uns Puzzlestücke zusammensetzen und auf ein junges, verliebtes Pärchen in einer Kirmesattraktion schließen. Bleibt man aber auf der abstrakten Ebene des Bildes, ist es der Kern des Films. Neil Armfield hat mit der Szene ein Bild gefunden, das die Situation und das Dilemma seiner beiden Liebenden nicht deutlicher umschreiben könnte. Dan und Candy befinden sich im Rausch der Liebe und verlängern das reale Glück mit einem künstlichen: Sie sind heroinabhängig.

Das Dilemma der beiden ist zugleich ihr größtes Geschenk: Jetzt, da sie das vollkommene Glück genießen, soll die Zeit bitte stehenbleiben, die Welt aufhören sich zu drehen, der Augenblick verweilen. Des Menschen Kampf um die Ewigkeit – nicht mehr und nicht weniger dekliniert Armfield an der Geschichte von Dan und Candy durch. Den Kampf um das Hier und Jetzt, um die Gegenwart, die unerbittlich zwischen den Fingern zerrinnt, sobald man sie gefaßt zu haben glaubt, kann der Mensch nur verlieren. In Dan und Candys Kampf ist ihre einzige Waffe das Heroin. Es erweist sich als durchaus wirksames Mittel, die Zeit außer Kraft zu setzen. Der Moment, den das Heroin festhalten kann, entspricht allerdings nicht mal annähernd der Vorstellung der paradiesischen Ewigkeit. Vielmehr höhlt der Stoff die Gegenwart aus, die Zeit bleibt stehen, aber sie ist eine leere Hülle. Wie in der Kirmesattraktion drückt die Kraft der Droge die beiden immer dichter an die Wand, je schneller sie sich auf der Stelle drehen. Der Moment mag verweilen – doch das Glück, das ist dahin. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #43.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap