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11:14

USA 2003. R,B: Greg Marcks. K: Shane Hurlbut. S: Dan Lebental, Richard Nord. M: Clint Mansell. P: MDP Worldwide, Firm Films. D: Hilary Swank, Patrick Swayze, Rachael Leigh Cook, Colin Hanks u.a.
86 Min. 3L ab 1.9.05

Wertkonservatives Schaf im Wolfspelz

Von Patrick Hilpisch Insgesamt vier Mal dreht Regisseur Greg Marcks in seinem Spielfilmdebüt die Zeit zurück, um in fünf Episoden die Ereignisse einer verhängnisvollen Nacht in der amerikanischen Kleinstadt zu beleuchten, an deren Ende zwei Tote, drei Verhaftungen und ein abgetrennter Penis zu verzeichnen sind. Dabei stellt die titelgebende Uhrzeit 11.14 p.m. die mal sichtbare, mal unsichtbare Achse der »Einzelhandlungen« dar. Jeweils aus der Perspektive einer zentralen Figur oder Gruppe werden dabei die Ursachen und Folgen dieser schicksalhaften Zeitmarke dargelegt – seien es die Unachtsamkeit eines alkoholisierten Autofahrers oder die Nachwehen der Handlungen einer eiskalt taktierenden, promiskuitiven Landlolita.

Die einzelnen Geschichten, die Marcks in diesen »Anläufen« erzählt, können zwar durchaus mit nett ausgearbeiteten Details und Querverbindungen aufwarten (was sich natürlich durch die perspektivische »Zersplitterung« der Ereignisse anbietet, aber in den letzten Jahren durchaus kunstvoller realisiert wurde). Wirklich fesseln kann das Erzählgerüst jedoch nicht.

Dies ist zum einen der durchweg stereotypen Charakterzeichnung und -motivation geschuldet, die ein Einfühlen bzw. eine Identifikation auf Seiten des Zuschauers weitgehend verhindert: Hier treffen vandalisierende Teenager auf trottelig naive Gutmenschen, die wiederum durch die Machenschaften einer Freizeit-Femme fatale in den Abgrund getrieben werden, und alle kriegen sie am Ende ihr »Fett« weg. In dieser Hinsicht entlarvt sich der Film als wertkonservatives Schaf im durch den schwarzhumorigen und angeblich progressiven Erzählgestus suggerierten Wolfspelz.

Zum anderen läßt das Narrationskonzept des Films seltsam kalt. Das Schicksalhafte, das durch die Anordnung der einzelnen Stories um die zentrale Zeitachse und die Verschränkung der jeweiligen Plots Ausdruck finden soll, verstärkt die Indifferenz gegenüber den agierenden Figuren. Der durch die vermeintlich innovative Komplexität der Erzählstruktur intendierte Effekt – die detaillierte Darlegung und Beleuchtung einer unentrinnbaren Konsequenzkette – generiert eine äußerst kopflastige, »kalte« Rezeptionshaltung, die ein ohnehin durch die plakativen Charaktere erschwertes Einfüllen verhindert, und letztendlich den an sich simplen Plotentwicklungen nicht gerecht werden kann. Wo ähnlich strukturierte Filme wie Irréversible oder Memento durch emotionalisierendes Potential und Stringenz überzeugen, kann 11:14 nur mit bloßer narrativer Verspieltheit und fragwürdigem, oft deplaziertem »schwarzen« Humor aufwarten. Und auch mit der Wahl des visuellen Konzepts, das sich bezüglich Low Key-Beleuchtung und Kameraeinsatz ans Horror- bzw. Slashergenre anlehnt, greift Marcks über das Ziel hinaus. So mutet dieser ostentative Versuch, in einem innovativen und zeitgemäßen Gewand daherzukommen, bloß konservativ und belanglos an.

Einen weitaus entscheidenderen Schwachpunkt stellt jedoch der Filmscore dar, der sich auf nahezu arrogante Weise expressiv und gewitzt gibt, in Wahrheit jedoch nur als penetrant und platt zu bezeichnen ist. Eine um so größere Enttäuschung, bedenkt man, daß Clint Mansell, der Mann, der sich für dieses tonale Fiasko verantwortlich zeichnet, mit dem Score zu Requiem for a Dream (in Kooperation mit dem Kronos Quartet) einen der eindringlichsten Fusionen von Klassik und Elektronik im Filmmusikbereich der letzten Jahre geschaffen hat. 1970-01-01 01:00
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